Erst war es ein Doppelhaus, danach kam ein Kino. Als beides fertig war, boten sich für Lothar Henrich keine weiteren Aussichten auf einen interessanten Folgejob. Das mittelständische Architekturbüro, in dem er angestellt war, begann Stellen abzubauen, und Henrich sah keine Zukunftsperspektive mehr, die seinen Fähigkeiten entsprochen hätte. Nach vier Jahren Berufserfahrung hängte er deshalb seinen Job als Architekt vorläufig an den Nagel und wechselte in die Immobilienbranche.

Wie viele seiner Kommilitonen hat er die Erfahrung gemacht, dass der Arbeitsmarkt für Architekten äußerst schwierig ist. Wer nach dem Abschluss die normale Architektenlaufbahn einschlägt, muss bis zur eigenen Zulassung erst mal zwei Jahre lang für wenig Geld viel arbeiten, Wettbewerbe "schrubben" oder sich als freier Mitarbeiter von Projekt zu Projekt hangeln. Weil die Konkurrenz groß ist und ein anhaltender Strukturwandel im Bauwesen die Situation am Arbeitsmarkt zusätzlich verschärft, ist die Zahl der arbeitslosen Architekten seit 1992 stetig gestiegen.

Dennoch steht der Architekt bei Abiturienten nach wie vor ganz oben auf der Liste der Traumberufe. Jedes Jahr beginnen durchschnittlich 7000 Erstsemester ein Architekturstudium. Dementsprechend viele Abgänger strömen dann auf den Arbeitsmarkt. Sie alle haben den Wunsch, später gestalterisch tätig zu werden. Doch gute Architektur zu liefern genügt schon längst nicht mehr. "Wer als Architekt erfolgreich sein will, muss ergebnisorientiert denken und durch Managementkompetenzen überzeugen können", sagt Rolf Toyka, Leiter der Akademie der Architektenkammer Hessen. Architekten seien heute weniger als geniale Baukünstler gefragt denn als Dienstleister oder Manager am Bau.

Der Architekt muss die vielen Fachkräfte am Bau koordinieren

Viele Absolventen haben das erkannt und sehen in dieser Entwicklung durchaus neue Chancen. Immer häufiger arbeiten sie nach dem Studium als Projektentwickler, Kultur- oder Qualitätsmanager oder Stadtmarketing Consulter. Auch im Softwarebereich haben sich für Architekten neue Berufsfelder eröffnet, seitdem sich die Planung und Ausführung von Gebäuden sukzessive von Tusche und Reißbrett auf Computer Aided Design verlagert hat.

Seit etwas mehr als einem Jahr arbeitet auch Lothar Henrich als Projektentwickler für den Immobilienfonds der Deutschen Sparkassen. Er ist zuständig für die Koordination und Abwicklung von vier Projekten, die er deutschlandweit betreut. Statt sich in eigene Entwürfe zu vertiefen, liest er auf dem Weg zur Arbeit in den Gesetzestexten des Baurechts und bildet sich in Immobilienökonomie weiter. Er betreut den Fortgang der Bautätigkeit und koordiniert die unzähligen am Bau beteiligten Fachkräfte. Dabei sind weniger seine kreativen als seine integrativen und koordinatorischen Fähigkeiten gefragt. Sind etwa die Anforderungen an ein Projekt nicht klar geregelt oder können sich die beteiligten Parteien nicht einigen, dann wird der Architekt auf der Baustelle zum Moderator, zum Manager oder gar zum Psychologen. "Das Interessante am Architekturberuf ist die Vielfalt der Arbeitsteilung und die Bandbreite der Teilgebiete, die in den letzten zehn Jahren daraus entstanden sind", sagt Henrich. Die Zukunft für Architekten sieht Henrich deshalb in der Koordinierungsarbeit. Wer macht die Werkplanung? Wie wird sie vergeben, wer macht die Fachbauleitung, wer steuert die Logistik und wer die Termine?

Manche studieren und erfinden danach einen neuen Job