Ballast abwerfen

Warum Antje Vollmer, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen, den Denkmalschutz auflösen möchte

Jeder hat seine Denkmäler. Fotos, Bücher, Möbel, Häuser, Memorabilia der eigenen Vergangenheit, an denen die Lust und manchmal die Last der Erinnerung haftet. Weil man nicht vergessen will oder nicht vergessen kann, trägt man sie mit sich durchs Leben. Oder aber man zerreißt und zertrümmert sie in der Hoffnung, das eigene Gedächtnis zu befrieden. Auch die Erinnerung eines Landes kennt solche Versuche. Immer neu müssen wir bestimmen, welche Dokumente der Vergangenheit wir in unserer Zukunft dulden wollen. In dem, was wir schützen, spiegeln wir uns selbst. In dem, was wir zerstören, erst recht.

Ein unvermutetes Bild des nationalen Selbst wurde jüngst von Antje Vollmer vorgestellt, der Bundestagsvizepräsidentin und kulturpolitischen Sprecherin der Grünen. In einer Anhörung, der ersten in der Geschichte des Bundestages zum Thema Denkmalpflege, entwarf sie eine neue Ordnung der Geschichte, die das Altbewährte abräumt und den Denkmalschutz auflöst. Das Manifest dieser Radikalreform stammt von dem bekannten Stadtforscher Dieter Hoffmann-Axthelm, den Vollmer um ein Gutachten gebeten hatte. Erzählt wird darin von einer Denkmalpflege, die ihre Verantwortung missbraucht und ihren Sinn verloren hat. Die meisten Denkmalschützer seien Prinzipienreiter, unwissend und rechthaberisch. Hoffmann-Axthelm spricht gar von "Lumpensammlern", die das Kostbare nicht mehr vom Alltagsschmuddel unterschieden. Immer weiter würden sie ihren Machtbereich ausdehnen und selbst Fabriken, Krankenhäuser, Siedlungen der zwanziger, gar der fünfziger Jahre zum öffentlichen Erbe erklären. "Eine Perversion."

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Die zivile Bürgergesellschaft müsse endlich aufwachen und sich selbst um ihr kulturelles Erbe kümmern, statt sich von der "Gesinnungsdenkmalpflege" gängeln zu lassen, fordern Vollmer und Hoffmann-Axthelm. Die Vehemenz, mit der sie für eine Reformdebatte eintreten, lässt freilich jeden Blick für die Wirklichkeit der Denkmalpflege vermissen. Nicht Machtvollkommenheit prägt ihre Situation in Deutschland, sondern Mangel. In den meisten Ländern werden Stellen gestrichen und die Etats gekürzt, und je höher die Städte und Kommunen verschuldet sind, desto unbeliebter werden die Konservatoren, denen man gerne vorwirft, Investoren zu vergraulen. Natürlich gibt es auch Denkmalpfleger, vor allem in den unterbesetzten örtlichen Behörden, die per Dekret entscheiden; meistens allerdings aus blanker Überforderung. In aller Regel ist der Kompromiss die zweite Natur der Denkmalschützer.

Um zu sehen, wie zahnlos sie vielerorts agieren, muss man sich nur eine Stadt wie Frankfurt ansehen, die vom Geld überrollt wurde, oder wie Berlin, wo sogar noch nach dem Mauerfall mehr als hundert Bauten aus der Zeit vor 1850 verloren gingen. Heftig debattiert man dort über den Wiederaufbau der Bauakademie von Schinkel, während dessen Elisabethkirche von 1832 immer noch eine Ruine ist.

Zwar hält die große Mehrheit den Denkmalschutz im Prinzip für sinnvoll; wenn aber das eigene Gebäude zu einem Zeugen der Geschichte ausgerufen wird, schwindet die Unterstützung. Mit ihrer Initiative hat Antje Vollmer also insofern Recht, als die Begeisterung für die Denkmalpflege ein stärkeres Fundament braucht. Die allgemeine Verantwortung muss wachsen. Der Vorschlag, der Staat müsse sich deshalb enthalten, bedeutet allerdings einen Rückschritt ins 19. Jahrhundert.

Die Sehnsucht des Staates nach Schönheit

Denn was in dem Gutachten als schleichender Übergriff der öffentlichen Hand auf das private Eigentum beschrieben wird, ist in Wahrheit der Ausdruck einer bürgerlichen Emanzipation. Ursprünglich hatten sich nur die Fürstenhäuser um die Denkmalpflege gekümmert, sie wollten verhindern, dass mit der Industrialisierung auch die Türme, Mauern und Palais geschleift würden; die Zeugnisse ihrer eigenen Geschichte sollten bewahrt werden. Auch Wilhelm II. begriff den Denkmalschutz als ein solches Instrument, das die Leistungen seines Geschlechts erhalten und seine Regentschaft verherrlichen sollte. An den Zeugnissen einer bürgerlichen Geschichte war er nicht interessiert. In Hessen hingegen entschied man sich dafür, auch Rat- und Wohnhäuser vor den Umwälzungen zu schützen - der Großherzog Ernst Ludwig ließ sich dafür gern als Sozialist beschimpfen. Das Recht aller Bürger an ihrer Geschichte wurde über das Recht des Einzelnen an seinem Eigentum gestellt.

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