Stern im Schatten des Sterns

Vor zwei Jahren feierte der "Stern" seinen fünfzigsten Geburtstag. Eigentlich war es der sechzigste von Nils Minkmar

Er war ein genialer Blattmacher. Ein Pionier, der auf Fotografien höchster Qualität setzte, Frauen wie Männer anzusprechen wusste, die Wirkung der Stars zu nutzen verstand und die Kunst beherrschte, den Leser ans Blatt zu binden. Und mit welchem Erfolg: eine Auflage von 750 000 Heften, Millionen von Lesern für den Stern , ein auffallend modernes Wochenmagazin, damals, 1938. Die Rede ist nicht von Henri Nannen, sondern von Kurt Zentner. Nannen wurde nach seinem Tod 1996 als Erfinder des Sterns gelobt und als "der, der ihn groß gemacht" hat. Letzteres ist unbestritten, Ersteres muss revidiert werden.

Kurt Zentner ist als Sachbuchautor einigen bekannt, aber als Journalist vergessen. Nun ist ein kompletter Satz der von ihm konzipierten alten Stern- Hefte wieder aufgetaucht, die von September 1938 bis zum Dezember 1939 im Deutschen Verlag, dem Nachfolger des Ullstein-Verlags in Berlin, erschienen. Kurioserweise im Landesmuseum Dithmarschen, Meldorf, wo ihn Direktor Wolf Könenkamp im Nachlass einer Filmbegeisterten entdeckte. Der Stern vor dem Stern wurde vom Glanz des Nachkriegserfolgs völlig überstrahlt. Heute wissen selbst Experten wie Elisabeth Koch, Norbert Frei und Walter Kempowski nichts mehr von der einstigen Illustrierten. Auch Nannen-Biograf Hermann Schreiber, Jahrgang 1929, kann sich an Zentners Stern nicht erinnern. Dass Nannen ihn aber gekannt hat, hält er für "in hohem Maße wahrscheinlich". Nannen habe es ihm oder seinen Mitstreitern der Anfangszeiten, die Schreiber noch alle befragt hat, zwar "nicht gesagt, dass er sich an dieser Illustrierten orientiert hat. Ausschließen kann man's trotzdem nicht."

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Schon der alte "Stern" bot Lebenshilfe, Homestorys und Fortsetzungsromane

In der britischen Zone wurde derweil Pressegeschichte geschrieben. Als Henri Nannen 1948 in Hannover von den britischen Presseoffizieren die Lizenz für das Jugendmagazin Zick Zack erhielt, war ihm klar, dass das nur ein Übergang zu ambitionierteren Projekten war. Nannen wollte "bloß eine Startrampe für das Magazin, das er längst im Kopf und in der Schublade hatte, eben für den Stern", schreibt Hermann Schreiber.

Eine der vielen Anekdoten, die Nannen über Nannen erzählte, war jene, wie er einen jungen britischen Presseoffizier davon überzeugte, der Titel Zick Zack gefährde die Demokratisierungsabsicht, denn er erinnere an die Hitlerjugend und deren "Zicke zacke zicke zacke hoi hoi hoi". Stattdessen müsse man jetzt ein wöchentliches, großformatiges Magazin machen, und das solle man Stern nennen: "Einsilbig, deklinierbar und positiv besetzt." Der Witz der Anekdote liegt darin, dass der britische Offizier eines nicht wissen konnte: Nannen hatte den Stern bereits "in der Schublade". Doch woher er, in jener Zeit mit dem Organisieren von Papier und Schreibmaschinen mehr als ausgelastet, das Konzept dafür hatte, ist unklar. Dass Nannen den Stern kannte, daran besteht kaum ein Zweifel. Und dass damals kräftig abgekupfert wurde, ist auch bekannt: Schon das erste Heft von Zick Zack bestand, so erzählte es Redakteur Günter Dahl Hermann Schreiber, aus "lauter geklauten Beiträgen aus alten deutschen und neueren ausländischen Zeitschriften". Und welche alte deutsche Zeitschrift wäre besser dazu geeignet, den Stern zu machen, als der Stern?

Am auffälligsten ist die Kontinuität der Covergestaltung: Das Logo mit der Schrift über dem Porträt einer Filmschauspielerin in Nahaufnahme. Das war das Markenzeichen des alten Sterns, und so reüssierte auch Nannens Stern im Jahr 1948. Das Stern- Logo schnitt, so die berühmte Anekdote, Ursula Beckmeier, die Frau des stellvertretenden Chefredakteurs, mit der Schere aus. Es war ein neuer Stern, doch die Idee, den Titel des Blatts grafisch aufzulösen und mit dem Schriftzug über ein Porträtfoto zu legen, dürfte zumindest ihrem Mann nicht ganz fremd gewesen sein, arbeitete Karl Beckmeier doch vor dem Krieg als Bildredakteur beim Ullstein-Verlag in Berlin - genau wie Kurt Zentner. Viele Stars wie Heinz Rühmann und Brigitte Horney waren immer noch da, neue kamen dazu, Hildegard Knef natürlich und amerikanische Schauspielerinnen wie Ava Gardner.

Der alte Stern war mehr als bloß ein Filmblättchen. Er brachte Berichte von den Wagner-Festspielen in Bayreuth und - Zwischen Pütt und Bühne - aus der Bochumer Theaterszene. Er bot Lebenshilfe in den Leserbriefen ("Man hört so häufig den Ausdruck platonische Liebe. Woher stammt das Wort?"), Rätsel, Sterndeuterei und natürlich eine Witzseite - der lachende Stern. Und es gab Preisausschreiben und Fortsetzungsromane.

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