Ausgetrickst
Ein Lehrstück in Sachen Umweltpolitik führen derzeit die hiesigen Mineralölkonzerne auf. Plötzlich ist nämlich möglich, was vor noch gar nicht langer Zeit ein Ding der Unmöglichkeit gewesen sein soll: Schwefelarmes, gar schwefelfreies Benzin drängt auf den Markt. Noch vor wenigen Monaten hieß es aus der Branche, der saubere Kraftstoff könne frühestens in einigen Jahren angeboten werden - was insbesondere den Berliner Wirtschaftsminister Werner Müller veranlasste, dafür zu sorgen, die steuerliche Förderung des Ökosprits mit weniger als 0,005 Prozent Schwefel erst vom 1. November 2001 an Wirklichkeit werden zu lassen. Schwefelfreier Kraftstoff mit höchstens 0,001 Prozent Schwefel kommt sogar erst vom Jahr 2003 an in den Genuss eines Steuerbonus.
Trotzdem versuchen nun insbesondere BP und Shell - beide Mineralölunternehmen kämpfen um das Image des ökologisch korrektesten Anbieters der Branche - sich bei der Markteinführung des sauberen Sprits zu überbieten. Ab sofort kann an allen Münchner BP-Tankstellen schwefelfreies Super plus getankt werden. BP Amoco schreite hier "weit voran", verkündeten die Öl-Manager Ende vergangener Woche stolz - und kamen der Konkurrenz von Shell zuvor. Die Shell-Manager müssen sich richtig geärgert haben. Denn flugs ließen sie den Stoff der Konkurrenz bemustern, nahmen an drei Münchner Tankstellen Proben - und fanden heraus, dass der zugesagte Schwefelgehalt deutlich überschritten wird. Die Umstellung der Stationen sei "wohl nicht termingerecht erfolgt", heißt es bei Shell.
Dallas sei nichts dagegen, was sich in der hiesigen Mineralölbranche abspiele, sagt ein Branchenkenner. In der Tat ist laut BP der neue Stoff selbstverständlich "einwandfrei", und Shell, in dessen Vorstand der frühere Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt sitzt, fühlte sich von der Konkurrenz ausgebremst. Eigentlich wollten die Shell-Leute nämlich als Erste mit sauberem Kraftstoff am Markt sein. Nun ist das Unternehmen zum Nachziehen gezwungen, kündigt dafür aber einen "völlig neuen" Stoff an: An 900 seiner 1581 Stationen will Shell im Laufe des nächsten Monats Super plus aus dem Programm streichen und stattdessen Optimax offerieren. Die neue Mixtur, gemeinsam mit VW entwickelt, soll nicht nur schwefelfrei sein, sondern außerdem über eine höhere Oktanzahl verfügen und mit einem neuen Additivpaket ausgestattet sein. Shell verspricht den Autofahrern neben weniger Umweltschmutz eine bessere Beschleunigung und die innere Reinigung der Antriebsaggregate ihrer Lieblinge. Optimax puste den Motor "total sauber", sagt Shell-Sprecher Rainer Winzenried. Die Mehrkosten gegenüber dem alten Super plus: voraussichtlich drei Pfennig pro Liter. So viel mehr kostet auch der neue, schwefelfreie BP-Sprit.
Eine ungewöhnliche Allianz von Umweltschützern und der Autoindustrie drängt seit längerem darauf, schwefelreduzierten Kraftstoff an die Zapfsäulen zu bringen. Laut Umweltbundesamt sorgt er nicht nur für die "Eliminierung des Schwefeldioxid-Ausstoßes" zusätzlich wird die Emission anderer, auch krebsverdächtiger Abgasbestandteile reduziert, und nicht zuletzt funktionieren die Katalysatoren besser. Die Autoindustrie ist an dem schwefelarmen Stoff vor allem deshalb interessiert, weil er die Einführung neuer, spritsparender Motortechnologien (Benzin-Direkteinspritzer, kurz FSI oder GDI) ermöglicht, die den Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid (CO2) um bis zu 15 Prozent verringern können. VW will im Herbst als erster deutscher Hersteller ein FSI-Modell (Polo) in Serie gehen lassen. Die PS-Branche muss nach Auskunft von Umweltminister Jürgen Trittin ihren CO2-Ausstoß noch um jährlich 20 Millionen Tonnen reduzieren, damit die Bundesregierung ihr Klimaschutzziel - minus 25 Prozent CO2 bis 2005 gegenüber 1990 - erreichen kann. Misslingt ihr das, könnte hierzulande unter anderem ein Tempolimit auf Autobahnen drohen, das Trittin jüngst wieder ins Gespräch brachte.
Nicht zuletzt um diesem Ungemach vorzubeugen, will der ADAC, gemeinsam mit der Deutschen Umwelthilfe (DUH) und dem Deutschen Naturschutzring (DNR), die Autofahrer zum Tanken schwefelarmer Kraftstoffe animieren. Ende vergangener Woche kündigte die DUH an, gemeinsam mit dem ADAC und mit Unterstützung des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) in diesem Sommer Kraftstoffuntersuchungen durchführen zu lassen und die Autofahrer darüber zu informieren, wo sie den saubersten Saft tanken können.
Derweil warten BP und Shell gespannt auf die Reaktion der Konkurrenz. Manch einer wittert schon durch Aral "Gefahr im Verzug" - was Umweltschützer und Autoindustrie zwar freuen könnte, aber nur eins beweist: Mit ihrer zögerlichen Steuerförderung hat sich die rot-grüne Bundesregierung von der Mineralölbranche regelrecht ins Bockshorn jagen lassen. Der Aral-Anteilseigner Veba Oel opponierte nämlich im vergangenen Sommer besonders vehement gegen eine frühzeitige Steuerförderung des Ökosprits. Sie forciere "das Ausscheiden einiger deutscher Raffinerien aus dem Markt" und führe "zu erheblichen zusätzlichen Arbeitsmarktproblemen". Michael Müller, der stellvertretende Vorsitzende der Berliner SPD-Fraktion, äußerte schon damals den Verdacht, die Industrie spiele nur "auf Zeit", um anschließend vorfristig einen "freiwilligen" Beitrag zu mehr Umweltschutz zu leisten.
Nachdem die Mineralölbranche bewiesen hat, dass sie durchaus in der Lage ist, auch kurzfristig sauberen Kraftstoff anzubieten, könnte nun die Debatte um dessen steuerliche Förderung von neuem entbrennen. Axel Friedrich, Leiter der Verkehrsabteilung im Umweltbundesamt, fordert bereits, den Steuerbonus für den Ökosprit zeitlich vorzuziehen. Die einleuchtende Begründung: Der neue Kraftstoff solle schließlich nicht nur angeboten, sondern auch gekauft werden.




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