Gläsern, poetischSeite 2/2
Koroliov ist ein Meister der Klangfarben, vermag die kammermusikalische Transzendenz einer Triosonate ebenso zu imaginieren wie das Aufbrausen einer voll registrierten Orgel. Seine Deutung der Kunst der Fuge klingt wie eine lustvolle Widerlegung der These vom spekulativen Spätwerk Bachs. Sie changiert zwischen kontemplativer Innenschau und prallem Leben, jenseitiger Versenkung und ausgestellter Virtuosität. Noch im rigidesten Kontrapunkt bleibt Bach für Koroliov ein großer Melodiker. Und in einigen der langsamen Moll-Präludien und -Fugen des Wohltemperierten Klaviers streift er sogar einen ins Romantische weisenden Tonfall, sucht tastend nach jenem Klang der Entgrenzung, der ahnen lässt, dass Bach hier unterschwellig auch von letzten Dingen reden wollte.
So wird Koroliov zum Analytiker und Mystiker in einer Person. Mit einem runden Klavierklang stellt er die phänomenale Durchhörbarkeit des Kontrapunkts her, die auch Friedrich Gulda 1972 in seiner bahnbrechenden Einspielung des Wohltemperierten Klaviers mit gläsernen, fast cembaloartig wirkendem Klang erreichte. Doch zugleich erinnert Koroliov wie in einem entfernten Nachhall an die Poesie, die ein Edwin Fischer in seiner Bach-Deutung der dreißiger Jahre entwickelte.
Bach auf dem Klavier - eine lange Geschichte. Fischer, Gould, Gulda sind darin nur einige Größen. Aber offen ist sie nach wie vor. Koroliovs Bach macht das nach Jahren wieder deutlich. Und György Ligeti wird vielleicht mit der einen CD auf der einsamen Insel doch nicht auskommen.
* Bach-Aufnahmen mit Evgeni Koroliov: Die Kunst der Fuge (Tacet 13) Das Wohltemperierte Klavier (Tacet 93) Goldberg-Variationen (Hänssler 92.112) Chromatische Fantasie und Fuge, Französische Ouvertüre, Italienisches Konzert (Hänssler 92.108)
- Datum 20.04.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 17/2000
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