Am Beginn des 21. Jahrhunderts mangelt es nicht an Stimmen, die vor den Folgen der Globalisierung warnen. Das Tempo der wirtschaftlichen Integration habe sich von der politischen Sphäre in einem Maße gelöst, dass die Souveränität der Nationalstaaten sowie das Primat der Politik über die Wirtschaft fundamental infrage stünden. Mehr noch als internationaler Handel und grenzüberschreitende Investitionen der Unternehmen stehen dabei die internationalen Kapitalströme und damit die Banken und andere Finanzinstitutionen in der Kritik.

Ist die Politik im Schlepptau der Finanzmärkte? Wer sich im Schlepptau befindet, ist gezwungen, passiv der Richtung und der Geschwindigkeit des Schleppers zu folgen. Diese Sicht unterstellt einen Interessengegensatz zwischen den Zielen der Finanzmarktteilnehmer und den Zielen der Politik. Doch ist nicht beiden Bereichen der Wunsch nach stabilem Wachstum und der Mehrung von Wohlstand gemein? Ein liberaler Finanzmarkt ist ein wichtiges Instrument, diese Ziele zu erreichen. Die Überlegenheit des marktwirtschaftlichen über das kommunistische System hat das gezeigt. Aber lehrt die Geschichte nicht auch, dass die Tendenz der Kapitalmärkte zu periodischen Fehlentwicklungen durch regulative Maßnahmen gedämpft werden muss? Sollten nicht Staat und Finanzmärkte auch dabei Partner sein?

Wachstum muss auch deswegen Ziel der Politik sein, weil zum einen die Handlungsfähigkeit des Staates auf wirtschaftlicher Potenz gründet: Ohne florierende Wirtschaft keine sprudelnden Steuerquellen. Zum anderen ist eine leistungsfähige Wirtschaft die Voraussetzung für eine stabile demokratische Entwicklung.

Anders als die Politik haben "die Finanzmärkte" per se keine eigenen Ziele. Sie sind Instrumente, mittels deren die Akteure ihre individuellen Ziele erreichen. Gemäß der Logik der Marktwirtschaft führen die individuellen Aktionen einzelner Kapitalanbieter und -nachfrager dabei im Ergebnis zu einer Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt. Der Sparer, der auf der Suche nach der besten Verzinsung ist, lenkt bewusst oder unbewusst sein Kapital in jene Investitionsprojekte, die am rentabelsten sind und damit das gesamtwirtschaftliche Wachstum am meisten fördern.

Eine arbeitsteilige Weltwirtschaft und Wachstum sind ohne moderne Finanzmärkte und die in ihnen agierenden Banken nicht vorstellbar. Banken und Finanzmärkte erfüllen zwei sehr grundlegende wirtschaftliche Funktionen. Sie vermitteln Kapital von Gläubigern zu Schuldnern, und sie verteilen finanzielle Risiken auf diejenigen, die diese am besten tragen können und wollen. Alle Studien zur wirtschaftlichen Entwicklung zeigen, dass Länder mit effizienten und freien Finanzmärkten mittelfristig schneller wachsen als solche, deren Finanzsystem unterentwickelt und protektioniert ist.

Die Öffnung der nationalen Finanzmärkte gegenüber dem Ausland erweitert diese positiven Effekte. Die Unternehmen können auf den weltweiten Pool des anlagesuchenden Kapitals zurückgreifen. Umgekehrt stehen inländischen Anlegern nicht nur die heimischen Finanzprodukte zur Verfügung, sondern sie können weltweit die passenden Anlageformen auswählen.

Nur mithilfe der globalen Finanzmärkte kann der weltweite Handel finanziert und abgesichert werden, können international integrierte, global agierende Unternehmen entstehen. Das spektakuläre Wachstum junger Technologieunternehmen, die dynamische Expansion von Internet und Electronic Commerce wären ohne funktionierende Venture-Capital-Märkte und Börsen kaum vorstellbar gewesen. Andererseits darf nicht übersehen werden: Die informationstechnologische Revolution verändert gegenwärtig die Finanzmärkte und, wenn auch weniger schnell, die Volkswirtschaften radikal. Diese Entwicklungen werden auch das Verhältnis zwischen den Finanzmärkten und der Politik nicht unberührt lassen.