Harare

Was halten Sie von Ihrem Kollegen Robert Mugabe? Die Antwort von Bundespräsident Richard von Weizsäcker war im Gedonner der Victoria-Fälle kaum zu hören. "Ein kluger, besonnener Politiker, der um Ausgleich bemüht ist." März 1988, Staatsbesuch in Simbabwe, Richard und Robert, brüderlich die Hände haltend. Da war sie, die Weihe des Robert Gabriel Mugabe zum Staatsmann. Der Aufwiegler, der Kommunist, der Terrorist, vergessen die bösen Jahre. Aus vierzig schwarzen Kinderkehlen schallte es: "Kein schöner Land in dieser Zeit ..."

Zwölf Jahre später taumelt das besungene Land in den Abgrund. Die Wirtschaft bald ruiniert, der Staat längst bankrott, galoppierende Inflation, wachsende Arbeitslosigkeit und Armut. Und neuerdings die Bilder von brennenden Farmen, die Berichte von Mord und Totschlag, von einem Präsidenten, der den Rassenhass schürt. Robert Mugabe, der antikoloniale Held und große Versöhner, die Lichtgestalt aus dem Süden, verehrt von engagierten Christen, Linken, Solidaritätsgruppen in aller Welt - daheim beginnen ihn die Menschen zu verachten. Manche schimpfen ihn einen Staatsverbrecher.

Machtbesessen. Getrieben von Größenwahn und Habgier. Dogmatisch. Verklemmt.

Mit seinem Zahnbürstenbärtchen ein bisschen an die Hitler-Parodie von Charly Chaplin erinnernd. Mugabe sei zu einer Witzfigur des afrikanischen Führers geworden, wie sie die Welt gerne zeichne, sagt Erzbischof Desmond Tutu, der Friedensnobelpreisträger vom Kap.

"Der Mann war schon immer ein Vollblutdiktator", befindet der Politologe John Makumbe, "man hat es nur nicht wahrhaben wollen." Ganz so einfach ist es nicht. 1924 als Sohn eines Tagelöhners geboren. Von linkskatholischen Jesuiten in Missionsschulen erzogen. Universität Fort Hare, Südafrika, Studium von Marx und Lenin. Lehrer in Accra, Ghana. Ab 1960 aktiver Widerstand gegen das rhodesische Siedlerregime von Ian Smith. Gefängnis, Folter, Flucht. Insgesamt zehn Jahre Haft. Er sieht Mitstreiter im Knast verrotten. Er darf nicht zur Beerdigung seines Sohnes. Es wird behauptet, er sei vergewaltigt worden. Dann der bewaffnete Kampf, die Befreiung. 1980 wird Simbabwe unabhängig, Mugabe ist am Ziel.

Die Macht ist seine einzige Medizin gegen die Erniedrigungen und Beleidigungen. Aber sie heilt nicht. Mugabe kann nicht vergeben, solange Afrikaner in weißen Farmerclubs als Affen bezeichnet werden. Und er will nicht vergeben wie der große alte Mann aus Südafrika, der ihm, dem Vorkämpfer gegen die Apartheid, die Schau gestohlen hat. Als sein Präsidentenjet im Sinkflug auf Lesotho eine Warteschleife ziehen musste, weil Nelson Mandela früher eingetroffen war, soll Mugabe vor Wut gebebt haben.

Auf Kritik aus Europa reagiert er explosiv, weil er in ihr immer eine Herabsetzung wittert. Soll er schweigen, wenn ausgerechnet Briten, deren rhodesische Verwandte einst das Land raubten und barbarische Verbrechen verübten, seiner Regierung "unzivilisiertes Handeln" vorwerfen? Soll er sich schurigeln lassen wie ein boy in den verfluchten Kolonialtagen?

April 1996. Mugabe hat gerade einen triumphalen Wahlsieg eingefahren. Im Gespräch mit der ZEIT wirkt er gelassen, heiter, eloquent, ein Gentleman in feinem Tuch, der voller Ironie von den ideologischen Hahnenkämpfen naiver westdeutscher K-Gruppen erzählt, die den Befreiungskampf alimentiert hatten.

Er redet so viel über die Vergangenheit, dass uns sein Arbeitskabinett allmählich vorkommt wie die Schleusenkammer einer Zeitmaschine. "Wir sind noch immer die Helden ... die Menschen haben das nicht vergessen." Dreimal verweist Mugabe auf seine Feldherrnrolle im chimurenga, im Befreiungskrieg gegen die Rhodesier. Es ist, als lebte der Präsident noch immer in der Zeit des Partisanenkriegs, als sei die Erinnerung an den bewaffneten Kampf ein Jungbrunnen und zugleich die ewige Legitimation seiner Herrschaft.

"Der Mann hat einen messianistischen Komplex", befindet der Menschenrechtler Mike Auret, der "Comrade Bob" zum ersten Mal während des Krieges begegnete.

"Er fühlt sich wie der Retter seines Volkes." Wie ein schwarzer Moses, der von jesuitischen und marxistischen Erlösungslehren geleitet wird. In diesen Tagen beschwört er die glorreiche Epoche herauf, als ginge es erneut um die Befreiung des Volkes und nicht um die Bewahrung seiner Macht.

"Irgendwann fragte ich mich, ob nicht unsere Ideale verraten werden", erinnert sich die Dissidentin Margaret Dongo. Sie hat im Busch gekämpft und war, ehe sie ausgeschlossen wurde, die einzige Frau im Zentralkomitee der Einheitspartei Zanu-Pf. Sie hat den Genossen Mugabe in allen Gemütslagen erlebt. "Früher hatte er natürliche Autorität, fast wie ein Vater." Und heute? "Heute ist er machtkrank." Er führe den Staat wie ein big chief, ein Oberhäuptling, und werde dabei Idi Amin immer ähnlicher. "Macht, Macht, Macht. Das ist alles, was für ihn zählt."

Die Verfassung wurde so zurechtgebogen, dass Präsident Mugabe beinahe unumschränkt regieren kann. Im Parlament gehören 147 von 150 Abgeordneten der Zanu-Pf an. Über das Politbüro beherrscht Mugabe die Partei, und die kontrolliert Staatsapparat, Militär und Medien. Er stellt sich über das Gesetz und missachtet die Urteile des höchsten Gerichts. Loyalität sichert er sich durch ein fein verzweigtes Patronagenetz. Und, vor wichtigen Wahlen, durch Geldgeschenke: In den letzten Monaten wurden die Bezüge der Offiziere, der traditionellen Großmänner, Abgeordneten und Minister verdoppelt oder verdreifacht. Mugabes Familie, zuvorderst seine luxussüchtige Frau Grace, und die engsten Vertrauten haben ohnehin freien Zugriff auf öffentliche Töpfe.

"Die einfachen Leute wissen nicht mehr, wie sie Maismehl und Speiseöl bezahlen sollen, und die bestehlen den Staat hemmungslos", sagt Dongo. Sie deckte auf, wie Parteibonzen die Rentenkasse für Kriegsversehrte leerten. Wie sich Minister und Günstlinge Farmen unter den Nagel rissen, die der Staat für landlose Gemeinden aufgekauft hatte. Seit zwanzig Jahren verspricht Mugabe eine gerechtere Verteilung des Landes, seit zwanzig Jahren ist so gut wie nichts geschehen. Nun hetzt er die hungrigen Exveteranen und ihren Mob auf die weißen Farmen, um ihrerseits Grund und Boden zu rauben.

"Mugabe hat nur noch drei Pfeile im Köcher", sagt der ehemalige Mitstreiter Mike Auret, "Land, Rasse und Gewalt." Die bösen Weißen, die betrogenen Schwarzen, ihr heldenmütiger Widerstand - die demagogische Gleichung ist einfach, aber sie geht nicht mehr auf. "Die Gegenwart wird von immer mehr Menschen bevölkert, die ihnen nicht mehr zuhören wollen", schreibt die in Rhodesien aufgewachsene Schriftstellerin Doris Lessing. Die new borns, die postkoloniale Generation, kann mit der Veteranenromantik nichts mehr anfangen. Sie suchen Jobs, nicht Land. Sie schauen nach vorn, nicht zurück.

Der Alte fürchtet die Realität

Aber der Alte erkennt die Signaturen der Zeit nicht. "Mugabe lebt auf einer Insel. Oder in einem Kokon. Er ist vom richtigen Leben völlig abgeschnitten", meint der Schriftsteller Chenjerai Hove. Die festungsartige Residenz, die militärisch gesicherten Autokavalkaden, der hermetische Beraterring, sein allgegenwärtiger Argwohn - "der fürchtet die Realität".

Wenn Berichte über den wahren Zustand seines Landes zu ihm durchdringen, dann reagiert er wie jeder Autokrat: Schuld an der Misere sind immer die anderen, der Internationale Währungsfonds und seine tödliche Reformkur, der Neokolonialismus, Tony Blair und seine Regierung ("schwule Gangster"), die weißen Farmer. Besonders im Wahlkampf verbreitet Mugabe Verschwörungstheorien, um vom eigenen Versagen abzulenken, und seine letzten Apostel in Europa beten sie gerne nach: Noch 1996 bezichtigte der Länderreferent des renommierten Hamburger Instituts für Afrika-Kunde die ZEIT und andere deutsche Zeitungen einer gezielten Kampagne gegen Simbabwe - als würden wir ausländischen Chronisten das arme, unschuldige Land kaputtschreiben. Aber das Zerstörungswerk erledigen die einheimischen Machtcliquen schon selber.

Im November 1960 entstand ein prophetisches Gruppenfoto von fünf Gründervätern der antikolonialen Bewegung. Vier Männer schauen aus dem Bild, ein Mann betrachtet sie unverwandt von der Seite - Robert Mugabe. Alle seine Gefährten sollten später im Widerstand umkommen oder von ihm ausgeschaltet werden - notfalls mit jenem blanken Terror, den er von den Maoisten abgeschaut hat. Anfang der achtziger Jahre schickte Mugabe die berüchtigte Fünfte Brigade ins Matabeleland, um die militanten Anhänger seines Erzrivalen Joshua Nkomo zu vernichten. Die Elitesoldaten mit den roten Baretts waren von Nordkoreanern gedrillt worden. Wie viele Menschen sie massakrierten, ist bis heute nicht bekannt. Vorige Woche wurden die Rotkappen zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder gesichtet.

"Mugabe ist der Führer einer Partei, die aus der Gewalt geboren wurde. Er hat alle Gegner und Abweichler gewaltsam zum Schweigen gebracht und greift jetzt, da er nicht mehr weiterweiß, wieder zur Gewalt", sagt Mike Auret, der bei den kommenden Parlamentswahlen für die Oppositionsbewegung Movement for Democratic Change kandidiert. Zwei seiner Parteifreunde wurden vorige Woche umgebracht

die Täter kamen aus den Reihen der Zanu-Pf, heißt es. Zwei Verbrechen, geschehen in einem Klima der Angst, das Präsident Mugabe und seine Propagandamaschinerie jeden Tag aufheizen.

Im staatlichen Fernsehen sind schon frühmorgens Chimurenga-Gesänge zu hören, dazu sieht man Kampfhubschrauber und Veteranen, die mit AK-47-Gewehren fuchteln. Oder Archivfilme von rhodesischen Soldaten, von Weißen, die ihre schwarzen Opfer durch den Schlamm schleifen und lässig Zigaretten rauchen.

Schockbilder wie aus Vietnam.

Mugabe zieht die olivgrüne Armeeuniform an, fährt hinaus in die Dörfer, schüttelt die Faust, droht seinen Feinden mit dem Tode. Bei solchen Auftritten streift er den gravitätischen Gang des Staatsmannes ab. Er tänzelt. Präsident Jekyll, verwandelt in den Volksverhetzer Mr. Hyde, der den fatalsten Zustand heraufbeschwört, in den ein Staat geraten kann: Gesetzlosigkeit. "Mugabe wird die Macht niemals abgeben, weil er zu viele Leichen im Keller hat", glaubt Margaret Dongo. "Er fürchtet, dass es ihm ergehen könnte wie Pinochet. Er ist gefährlich wie ein verwundeter Löwe."

20. April 2000, Independence Day. Heute wird Simbabwe zwanzig, doch niemand feiert. Robert Mugabe legt am Heroe's Acre, wo die Helden des Befreiungskrieges ruhen, ein Blumengebinde nieder. Ganz allein steht er da.

Was würde jetzt Marita sagen - die Mutter des gefallenen Befreiungskämpfers aus Chenjerai Hoves Roman Knochen? "Dass das Blut ihres Sohnes vergeblich vergossen wurde", weiß der Autor. "Die alte Frau würde trauern und weinen, endlos weinen."