Iranische Fotografie Verschleiertes Kalkül

Die Multi-Kulti-Ethno-Frau: Die Kunsthalle Wien zeigt Videos und Fotografien der Iranerin Shirin Neshat

Neue Kunst ist lautstark. Schon auf der letzten Biennale in Venedig, wo sich der Krach bis zum Flugzeuglärm steigerte, fiel das auf. Im Doppelvideo Turbulent von Shirin Neshat war ein Wände durchdringender Gesang zu hören. Zu sehen war eine nach Geschlechtern getrennte Welt: zwei Bildschirme, zwei Szenen. In der einen betritt ein Mann in dunkler Hose und weißem Hemd eine Bühne. Vor ihm im Zuschauerraum sitzen weitere Männer. Der Mann auf der Bühne singt ein persisches Lied. Er gibt sich Mühe, und ihm wird gedankt. In dem anderen Zuschauerraum steht eine dunkel gewandete Frau vor einem leeren Saal.

Zwar kann sie den Mann nicht sehen, aber trotzdem scheint sie zu warten, bis er sein Lied beendet hat. Dann beginnt sie. Sie raunt und zwitschert, lässt ihre Stimme trommeln und perlen. Keine Worte, nur Töne. Was beim Mann Regeln folgte, ist bei ihr ungezähmt und einschmeichelnd. Ganz klar, wem von beiden die Gunst des Publikums gehören soll.

Schnell, innerhalb von nur zwei, drei Jahren, machte Shirin Neshat mit solchen Videos Karriere. Ihr männlich-weiblicher Wettgesang Turbulent gewann in Venedig den Biennale-Preis. Auch bei größeren Themenausstellungen der vergangenen Monate wie Global Art in Köln oder Zeitwenden in Bonn passten die Arbeiten der in New York lebenden Iranerin vortrefflich in die Welten und Kulturen bemühenden Konzepte. Jetzt zeigt die Kunsthalle in Wien eine kleine Soloausstellung mit Fotos und den drei Videos Turbulent (1998), Rapture (1999) und Fervor (2000).

Ohne Zweifel, Shirin Neshat kennt das Kunstgeschäft, hat es in allen Winkeln studiert. Sie kam vier Jahre vor der iranischen Revolution nach Amerika, studierte Kunst, heiratete, führte zehn Jahre lang mit ihrem Mann die Galerie Storefront for Art and Architecture in New York. Dann ließ sie sich scheiden, besuchte 1990 zum ersten Mal nach über fünfzehn Jahren ihre Familie im Iran.

Dort fand sie die Motive, mit denen sie ihren Weg in eine Künstlerinnenkarriere pflasterte: Feminismus und Islam, zwei Reizthemen. Das eine ist schon etwas matt geworden, aber noch lange nicht begraben, das andere so populär, dass selbst der Tschador, das schwarze Tuch der muslimischen Frauen, zum hochmodischen Kostüm avanciert. Italiens Geschirrhersteller Alessi etwa lässt auf Reklametafeln verschleierte Frauen seine Töpfe auf ihren Köpfen durch die Wüste tragen. Und die Designerin Paola Navone stellt sich, bis auf die Augen verhüllt, als formschaffendes Medium vor.

Wenn es so etwas gibt wie die professionelle Positionierung der Ware Kunst im Markt, dann hat Shirin Neshat alles goldrichtig gemacht. Sie begann mit eingängigen Bildern, fotografierte sich selbst: eine Frau im Tschador, die ihre Augen nicht niederschlägt, sondern ihr Gegenüber direkt anschaut. Auf einer ganzen Reihe von Fotos bedeckte sie Gesicht, Hände oder Fußsohlen mit persischen Schriftzeichen - unlesbar für den Großteil ihres westlichen Publikums und darum kaum mehr als schicke Tattoos für die Galerienkundschaft.

Shirin Neshats Welt ist aus kräftigen Kontrasten aufgebaut: Weiß gegen Schwarz, Kultur gegen Natur, Westen gegen Osten, Männer gegen Frauen. Und nur von denen, so orakelt die Künstlerin, gehe Erneuerung aus - eine Botschaft an alle, die es gern hören und die sich gern mit einer bewaffneten Kassandra identifizieren.

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