Glück in tiefen Sesseln

Lounges heißen die neuen Transiträume des Nachtlebens. Gut geeignet für einen kräfteschonenden Zwischenstopp, bevor es zurückgeht auf die Piste. Das Motto: Wohl fühlen, nicht versumpfen. Unser Autor hat Platz genommen

Seit ein paar Jahren schmücken sich in den Ausgehrevieren der Berliner Mitte eine ganze Reihe von Lokalen mit dem importierten Begriff Lounge. Da gibt es zum Beispiel die Seven Lounge, die 808 Bar & Lounge oder die Akba Lounge. In den einschlägigen Stadtführern und Szeneblättchen ist der Terminus unterdessen gar zu einer eigenen Kategorie avanciert. Allerdings sind die Zuordnungen ziemlich unzuverlässig: Nicht überall, wo Lounge draufsteht, ist auch etwas erkennbar anderes drin als in den zahllosen Örtlichkeiten, die sich bescheidener Club oder Bar nennen. Und dann gibt es zu allem Überfluss auch noch eine Reihe eigensinniger Läden wie Reingold, Astro-bar oder lore.berlin, die sich nicht als Lounge anpreisen und doch nur als solche zu begreifen sind.

Was also hat es auf sich mit dem Trend zum lounging? Im Englischen bezeichnet das Wort Lounge üblicherweise eine Hotelhalle, das Foyer eines Theaters oder die Wartehalle eines Flughafens. Den lounge lizard - also jenen Typus, der solche Orte zur Bühne eines eidechsenartigen Müßiggangs zu machen pflegt - umschreibt eine ältere Ausgabe des Webster's Dictionary als »einen geckenhaften Mann, der seine Zeit in den lounges von Bars, Cafés, Hotels etc. vertrödelt, in Begleitung oder auf der Suche nach Frauen, besonders solchen, die gewillt sind, es ihm gleichzutun«.

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Diese Orte gehören zu keinem Hotel, keinem Theater und keiner Fluglinie, pflegen aber die Atmosphäre von Durchgangsräumen, in denen sich Leute entspannen, die noch anderes vor sich haben (Dinner, Premiere, Reise). Lounges sind beiläufigere Orte als jene Kneipen, Clubs und Bars, die man um ihrer selbst willen aufsucht, in der stets betrogenen und doch unzerstörbaren Hoffnung, dass dort etwas Außergewöhnliches geschehen wird.

Lounges wenden sich an ein Publikum, das sich dem Nachtleben entspannt und vielleicht auch ein wenig ernüchtert hingibt, ohne allzu große Glückserwartungen. Man sieht dort viele Mittdreißiger und Anfangvierziger, die mit dem Ausgehen nicht aufhören können oder wollen, sich aber den Stress einer echten Clubnacht nur noch selten antun möchten. Entsprechend nebensächlich sind Tanzflächen in diesen Häusern.

Die Lounges können einen resignativen Zug nicht verhehlen: Sie geben nicht einmal mehr vor, dass hier das Eigentliche passieren wird, um dessentwillen sich viele der Anwesenden früher einmal Nacht um Nacht um die Ohren geschlagen haben. Man geht dorthin ohne die hysterische Hoffnung, dass ES heute Nacht passieren wird. Nur Unerfahrene, nur Uneingeweihte, die nicht viele Nächte auf der Suche nach dem Unerhörten vergeudet haben, können das spießig finden. Die Atmosphäre hat einen Hauch von humaner Resignation. Die Lounge flüstert dem geprüften Nachtschwärmer zu: »Nein, nein, es war nicht alles umsonst. Du musst nichts bereuen. Du hast deine Nächte nicht vergeudet. Du hattest nur noch nicht verstanden, dass das Ausgehglück wie jedes Glück eine Sache des Aufschubs und nicht der plötzlichen Erfüllung ist. Du musst jetzt nicht zu Hause bleiben und fernsehen, bloß weil die Leute in den Clubs 15 Jahre jünger sind. Komm, setz dich erst einmal in einen dieser schönen ledernen Clubsessel. Was möchtest du trinken? Genieße die Farbspiele, die sich unser Innenarchitekt ausgedacht hat. Sie wirken sehr beruhigend, sagt man. Er heißt übrigens Golo Gott.«

Golo Gott gibt es wirklich. Die Seven Lounge, in der seine Lichtspiele zu bewundern sind, ist symptomatisch für das ganze Genre: Sie will - ein ziemlich paradoxes innenarchitektonisches Programm - zugleich Herberge, Bühne und Warteraum sein, anheimelnd und bequem und dabei doch elegant wie eine bessere Hotel-Lobby. Die Einrichtung der neueren Lounges tendiert, auch wenn edle Materialien verwendet werden, zum Understatement. Die Gäste sollen hier gut zur Geltung kommen, nicht der Designer, ganz wie ein gutes Bühnenbild die Schauspieler nicht dominiert. Von den Transiträumen übernehmen die Lokale das Prinzip der Offenheit: Sie sind keine geheimen Orte, an denen sich Insider versammeln, sondern zugängliche Räume für Zwischenstopps auf dem weiteren Weg in die Nacht. Man darf sich hier wohl fühlen, aber man wird hier nicht versumpfen. Man sitzt gut, aber man setzt sich nicht fest. Man bleibt eine Weile, aber man bleibt unterwegs.

Vermutlich gehört Lounging soziologisch zu einem neuen Ereignistyp, an dem sich das allmähliche Erwachsenwerden der Nachtschwärmerei ablesen lässt. In einigen großen Städten gibt es jetzt so genannte After Work Clubs, professionell inszenierte Party-Events, die von Horden Ally-McBeal-artiger besser verdienender Angestellter gleich nach Büroschluss gestürmt werden. Man macht sich für diese Ereignisse nicht mehr eigens zurecht - das Tages-Ich wird gar nicht erst mühsam in ein Weggeh-Ich transformiert.

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