Finanzplatz ohne Grenzen
Die Börsen in Frankfurt und London fusionieren, um die Kleinstaaterei im Aktienhandel zu beenden
Verhandlungen zwischen der Deutschen Börse AG und der London Stock Exchange (LSE) waren schon immer eine Sache für sich. Mehr als 15 Monate zogen sich die Diskussionen zwischen Frankfurt und London hin, bis man sich im September vergangenen Jahres auf gemeinsame Handelszeiten an Themse und Main einigte. Seitdem öffnen die beiden Börsen gleichzeitig ihren Handel um 9 Uhr Frankfurter Zeit und schließen um 17.30 Uhr. "Ein kleiner Schritt für die Kapitalmärkte Europas, aber ein großer für die Börsenorganisationen", schrieb die nüchterne Börsenzeitung auf ihrer ersten Seite und feierte das "sensationelle Verhandlungsergebnis" als "bahnbrechenden Erfolg".
Wie sich die Zeiten ändern: Die beiden traditionsreichen Handelsplätze, die sich bisher bei ihrer Kooperation so zierten, haben es auf einmal furchtbar eilig und wollen komplett fusionieren. Später könnte die neu entstandene Superbörse dann sogar selbst an die Börse gebracht werden.
Zurzeit buhlen noch mehr als 20 Börsen auf dem Kontinent um die Gunst der Anleger. Doch sie bekommen zunehmend Konkurrenz durch branchenfremde Wettbewerber: Nachrichtenagenturen und Broker bieten inzwischen elektronische Handelsplattformen etwa über das Internet an - zu besonders günstigen Preisen. Reuters unterhält mit Instinet beispielsweise eine ausbaubare private Börse. Die britische Nachrichtenagentur hat den Vorteil, dass alle Banken ohnehin Anschluss zum Reuters-Großrechner haben.
Der US-Broker Cantor Fitzgerald macht eine eigene Future-Börse auf, und die britische Investmentbank Morgan Stanley plant unter dem Namen Jiway eine Kombination aus Bank und Börse. Dort kann der Privatanleger Aktien zu Real-Time-Kursen handeln, ohne den Umweg über die Bank nehmen zu müssen.
Für Experten war eine Börsenfusion daher schon lange überfällig. "Die optimale Betriebsgröße einer Börse lässt sich nicht innerhalb eines Nationalstaats realisieren", sagt Mark Wahrenburg, Professor für Bankbetriebslehre an der Universität Frankfurt. "Erst durch eine grenzüberschreitende Fusion lassen sich die hohen Fixkosten einer Börse, verursacht durch die Computersysteme und den bürokratischen Aufwand, senken und Größenvorteile realisieren." Denn ob an einer Börse 1000 oder 1200 Unternehmen notiert seien, ändere an der Kostenstruktur so gut wie nichts. Fusionen seien daher eine Frage des puren Überlebens.
In Europa wird sich, da sind sich die Fachleute einig, über kurz oder lang eine einheitliche Börse für die wichtigsten Aktien des Kontinents bilden. Und: Wer es zuerst schafft, den länderübergreifenden Handel in großem Stil zu organisieren, hat gute Chancen, sich dauerhaft als Europas Börsenzentrum zu etablieren. Er kann die technischen Standards setzen, Indizes kreieren und Liquidität bündeln. Und wo ohnehin viel Liquidität vorhanden ist, wird automatisch mehr angezogen.
Der Zusammenschluss bringt auch den Anlegern Vorteile
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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