Energie vom Chef
Mit neuen Förderparagrafen löst die Bundesregierung einen Boom bei erneuerbaren Energien aus
An den Börsen kam die Nachricht reichlich spät an. Erst als der Bundesrat dem neuen Gesetz sein Plazet gegeben hatte, explodierten die Kurse. Um bis zu 40 Prozent legten am nächsten Handelstag die Aktien von Solarfirmen zu. Das war Mitte März.
Die Investoren, immer auf der Suche nach Wachstumswerten, hatten die Entwicklung monatelang verschlafen. Im Dezember hatte der Bundestag dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in erster Lesung zugestimmt - von da an war alles weitere kaum mehr als eine Formsache. Der Boom war programmiert.
Bereits im vergangenen Herbst verhieß der Deutsche Fachverband Solarenergie den "Aufbruch ins solare Jahrtausend", der Bundesverband Erneuerbare Energien proklamierte in Erwartung der neuen Förderparagrafen wenig später die "Initialzündung für das Solarzeitalter". In der Tat erhält mit ihnen der Solarstrom bundesweit erstmals eine wirtschaftliche Basis: Jeder Sonnenstromproduzent, ob Reihenhausbesitzer oder Teilhaber einer Gemeinschaftsanlage, bekommt seither 99 Pfennig für die Kilowattstunde. Ein Quantensprung gegenüber den bisherigen knapp 17 Pfennig.
Auch die anderen Abkömmlinge der solaren Familie - Wind und Wasserkraft, Biogas und Biomasse - erhalten durch das neue Gesetz attraktive und langfristig stabile Konditionen. Besonders die Biomasse wird davon profitieren. Landwirte, die aus ihrer Gülle wertvolles Gas und daraus wiederum Strom (und nebenbei auch Wärme) gewinnen, kassieren nun für jede eingespeiste Kilowattstunde Strom 20 Pfennig. Fortsetzen wird sich auch die dynamische Entwicklung der Windkraft, denn die Rotorbetreiber erhalten künftig eine ähnliche Vergütung wie zuvor - etwas mehr für Anlagen im Binnenland, etwas weniger an windreichen Küstenstandorten. Das Wichtigste für die Windmüller: Es wurde Planungssicherheit geschaffen. Bislang musste jeder Betreiber damit rechnen, dass die Vergütung von Jahr zu Jahr zurückgeschraubt wird, künftig bleibt sie stabil. Gleichermaßen verlässliche Konditionen erhält auch die Wasserkraft: 15 Pfennig je Kilowattstunde sind garantiert.
Kein Zweifel, die Vokabel Solarzeitalter wird Karriere machen. Die Freiburger Solarstrom AG freut sich über den "Meilenstein der deutschen Energiepolitik". Die ebenfalls in Freiburg ansässige Solar-Fabrik stellt sich auf eine Expansion ein - der Unternehmer Georg Salvamoser führt deshalb Einstellungsgespräche in Serie. Thomas Klodt von der Bonner Firma SolarWorld AG (Werbeslogan: "Sonne. Energie vom Chef selbst") erwartet einen "riesigen, riesigen Boom"; die Produktion von Solarmodulen werde sich bereits in diesem Jahr gegenüber dem Vorjahr vervierfachen. Schon zum Jahresende würden die weltweiten Produktionskapazitäten für Solarmodule knapp, "Der Angebotsmarkt wird sich zum Nachfragemarkt wandeln". Auch der Mineralölkonzern Shell, seit November mit seiner Fabrik in Gelsenkirchen unter den Solarproduzenten, begrüßt das rot-grüne Gesetz als "wichtigen Schritt zum Umbau der Energieversorgungsstruktur".
Selbst Finanzbeamte fördern die Solarenergie
Unterdessen fasst der Deutsche Fachverband Solarenergie die Euphorie in Zahlen: Der deutsche Solarmarkt werde in diesem Jahr auf 22 Megawatt neu installierte Fotovoltaik wachsen - nach 14 Megawatt im vergangenen Jahr. Im Jahr 2005 werde man in Deutschland schon 169 Megawatt, weitere fünf Jahre später gar 512 Megawatt installieren. Bislang erreicht der gesamte Weltmarkt der Fotovoltaik gerade 200 Megawatt.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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