Das Letzte
Alle fordern Gerechtigkeit für Hera Lind. Auch die deutsche Sozialdemokratie hat den Ernst der Lage erkannt. Vergangene Woche überraschte sie uns mit der "Dialogoffensive 2000" und nahm sich unverzüglich des "Grundwertes der Gerechtigkeit" an; für "Sozialdemokraten eine Herzenssache", wie Wolfgang Clement zu verkünden wusste. "Zielorientierter" und zugleich "prinzipientreuer Pragmatismus" sei nun angesagt. Toll.
Hera Lind, die ihren Mann mit vier Kindern sitzen lässt, ist der Phänotyp der Stunde. Vorteilsnahme, Globalisierung und Deregulierung dürfen nicht länger als Bedrohung des sozialen Friedens gelten. Also sprach der NRW-Ministerpräsident in der Sprache des troubleshooter und legte, wo er schon einmal bei dem Thema war, gleich nach. Gerechtigkeit sei nicht mit Gleichheit zu verwechseln. Gleichheitsgebote weckten nur Neid - wie den gegen unser Superweib - und verderbte Hoffnungen. "Verordnete Gleichheit, das lehrt die Geschichte, ist der Tod von Gerechtigkeit und Freiheit." Nur die Chancengleichheit bleibe noch, um Gerechtigkeit und Freiheit zu versöhnen. Allerdings, damit die Menschen im Sinne gleicher Chancen auch die gleichen Lebensmöglichkeiten wahrnehmen, bedürfe es der staatlichen Fürsorge.
Für Oskar Lafontaine ist die Sache klar. Sein Herz schlägt immer noch links. Nach zaghaften Annäherungsversuchen hat er sich wieder von seiner Partei abgewandt. Oskars Unernst ist der radikalere. Unlängst posierte er als Werbeträger für die neue Datenbank Vivity, die über Internet und Telefon Freizeittipps anbietet.
In dieser Branche liegt die Zukunft und vielleicht sogar etwas von der ehedem staatlichen Fürsorge. So will der bisher nur für seine Freizeitofferten berühmte Fernsehsender RTL 2 der halb kriminellen Big Brother -Kandidatin Sabrina mit 30 000 Mark aus der Patsche helfen. "Wir nehmen unseren Slogan ,Du bist nicht allein' wörtlich", erläutert der Geschäftsführer. Die tun was! Man muss eben nur wollen.
Es geht sogar noch mehr. Auf Sat.1 bietet Kai Pflaume - jetzt hurtig die Nullen gezählt - 10 000 000 Mark Sozialhilfe. Die Chance deines Lebens , so heißt dieses gnadenvolle Wunderwerk. Vergessen wir die dürren Ausführungen über Chancengleichheit. Du hast keine Chance. Also nutze sie - so muss es immer noch heißen.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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