Der Urvater des Cyberspace
An seinem 600. Geburtstag wird Johannes Gutenberg als Medienrevolutionär gefeiert
Der Mann des Jahrtausends ist kaum mehr als ein Phantom. Ein paar Gerichtsurkunden, Schuldenzettel, dazu einige seiner mutmaßlichen Werke - mehr ist nicht überliefert von Henchen Gensfleisch oder Henichen zu Gudenberg oder Johannes Gutenberg. Wann er geboren wurde, wie er aussah, was genau er alles erfunden hat - reine Spekulation. So setzt sein Leben, das nachweislich am 3. Februar 1468 in Mainz endete, der Fantasie keine Grenzen. Lange Zeit sah man in ihm den genialischen, eigenbrötlerischen Handwerker, der, von allen Zeitgenossen verkannt, das finstere Mittelalter beendete und die aufgeklärte Neuzeit einläutete. Ein Nationalheld, der Prototyp des deutschen Erfinders, der die Welt revolutioniert, der erste Garant für Qualität made in Germany.
Die Deutungsvariante des Jahres 2000, pünktlich zu seinem mutmaßlichen 600. Geburtstag, stilisiert ihn zum ersten Medienrevolutionär, zum Urahnen des Cyberspace. Wie er für den Druck mit beweglichen Lettern Schrift in ihre kleinsten Bestandteile zerlegte und damit ihre Verbreitung um ein Vielfaches beschleunigte, verdankt die digitale Welt ihre irrwitzige Geschwindigkeit der Reduktion auf nichts als Nullen und Einsen. Ohne Gutenberg kein Gates, weshalb ihn das amerikanische Nachrichtenmagazin Time zum man of the millennium erklärt hat, zum Glück rechtzeitig für die rheinland-pfälzischen Geburtstagsplaner. Ein kleines, aus Pixelpunkten zeitgemäß geformtes g ist zum Signet dieser Deutung geworden; aufgeblasen bis auf Fahnengröße flattert, winkt und grüßt es in Mainz derzeit an vielen Ecken. Irgendwie ist alles Gutenberg.
Schon der erste Nachweis zeigt ihn vor Gericht im Erbstreit mit seiner Halbschwester Patze. Das war 1420, Gutenberg zu diesem Zeitpunkt schon rechtsmündig, also über 14 Jahre alt - woraus ziemlich tollkühn das Geburtsjahr 1400 abgeleitet wurde und wird. In Straßburg hat er später eine Klage wegen eines gebrochenen Eheversprechens am Hals; er selbst lässt den zufällig an der Ill weilenden Mainzer Stadtschreiber festnehmen, um von seiner Heimatstadt 310 Gulden einzutreiben, die sie ihm schuldet. Nach Mainz zurückgekehrt, überwirft er sich mit dem Kaufmann Fust, mit dem zusammen er die Bibeln druckte, die seinen Ruhm begründen. Als Gutenberg stirbt, hat er in Straßburg immer noch Schulden, die seine Geldgeber zähneknirschend abschreiben. Anhand dieser in Vitrinen aufgebahrten Lebensbruchstücke kann man lesend nachvollziehen, wie die Gutenberg-Forschung in einer Art Detektivspiel aus fast nichts eine Biografie destilliert. Lange braucht man dafür nicht - der Ausstellungsabschnitt über den "Erstdrucker Gutenberg" umfasst gerade mal eine halbe von insgesamt drei in Dämmerlicht getauchten Etagen.
Eines wird hier ziemlich klar: Mit seinen technischen Innovationen wollte Gutenberg nicht die Welt verbessern, sondern Geld verdienen. Er spezialisierte sich auf die Herstellung von Massenartikeln und Rationalisierung von Produktionsprozessen; Bücher waren da nur eine Möglichkeit. Sein erster Coup war die Massenfertigung von so genannten Pilgerspiegeln, kleinen Devotionalien aus Bleilegierungen. Das hier erworbene Vermögen und Know-how transferierte er in die nächste Marktlücke, das "werck der bucher". Eine Menge von Einzelerfindungen ermöglichten ihm den Druck zunächst kleinerer Schriften, Kalenderblätter, Ablassbriefe und Ähnliches. Dann, um 1450 herum, setzt er alles auf eine Karte, leiht sich 1600 Gulden (dafür bekam man in Mainz drei Häuser) und beginnt mit dem Riesenprojekt der Bibelproduktion. Innovativ ist er nicht bei der Wahl des Stoffes (er ignoriert den neuesten Stand der Bibelforschung und wählt die gut 1000 Jahre alte Vulgata als Vorlage), sondern bei der Produktion. Sie ist selbst für einen ausgebufften Manager wie Gutenberg ein logistisches und finanzielles Wagnis. Schon die Herstellung der Gussformen für die 290 Lettern dürfte mehr als ein halbes Jahr gedauert haben, das Setzen beschäftigte wahrscheinlich nicht weniger als vier Setzer wenigstens 300 Tage. Bis die 180 Bibeln fertig waren, dürften inklusive aller Vorarbeiten drei Jahre vergangen sein - so lange, wie ein Schreiber für die Abschrift einer Bibel brauchte.
Letter oder Pixel - ist das Prinzip nicht identisch?
49 dieser B 42 genannten Meisterwerke (wegen des 42-zeiligen Satzspiegels) haben sich ganz oder teilweise erhalten. Leider werden in Mainz nur die beiden aus dem Bestand des Gutenbergmuseums gezeigt, und die auch etwas unglücklich: Ein Mosaik aus 180 Feldern soll die Gesamtauflage repräsentieren; in 49 Feldern ist der heutige Aufbewahrungsort verzeichnet, 131 bleiben frei.
Die beiden Mainzer Exemplare sind einander diagonal gegenüber in den äußersten Ecken platziert. So kann man sie nicht vergleichend in den Blick nehmen - was doch eigentlich den Reiz ausmachte. Schließlich sind alle gedruckten Exemplare identisch und doch Unikate, weil die Ausstattung mit Initialen und sonstigen Schmuckelementen dem Geschmack und Geldbeutel jedes Käufers selbst überlassen blieb. Er erwarb nur die bedruckten Bögen, das fertige Buch musste er anderweitig daraus machen lassen.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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