Es ist zehn Uhr, als sich die achtjährige Yael zum Bäcker aufmacht. "Und was soll ich sagen, wenn sie mich fragen, warum ich nicht in der Schule bin?", fragt das Mädchen. "Sag, du hast gerade große Pause", rät die Mutter.

Die Beckers haben gelernt, unangenehme Fragen ausweichend und zugleich korrekt zu beantworten. Während andere Kinder am Vormittag in einem Klassenraum sitzen, lernen Rimon, 15, Jethro, 13, Naemi, 12, und Yael, 8, zu Hause im Wohnzimmer - oder im Garten. Und vorn an der Tafel steht nicht ein ausgebildeter Lehrer, sondern ihre Mutter. Homeschooling nennt man so etwas in den USA, wo bereits 1,5 Millionen Kinder zu Hause lernen. In Deutschland ist der Hausunterricht verboten. Hier herrscht die Schulpflicht, der sich kein Kind entziehen darf.

Emulsion, Suspension, Aerosol: Die BeckerKinder experimentieren am Esstisch mit Stoffgemischen - die Mutter erklärt. Als Hilfsmittel dienen Zucker, Milch, Wasserkocher und alles, was der Küchenschrank so hergibt. Es ist die erste Stunde am Morgen. Im Chemieunterricht stehen Aggregatzustände und Atommodelle an. Bei den Beckers werden die Fächer im Block unterrichtet. Zurzeit heißt das: Mehrere Wochen lang steht jeden Tag Chemie auf dem Stundenplan. In der zweiten Stunde liest Yael auf dem Sofa, während Frau Becker mit Rimon, Jethro und Naemi französische passé composé- Formen übt. Einmal in der Woche kommt eine Französischlehrerin ins Haus.

Wo nötig, werden Freunde der Familie gebeten, als Lehrer zu fungieren - in Physik kümmert sich derzeit ein pensionierter Professor um den Ältesten. "Ich kann nicht jedes Fach", sagt Mutter Becker. Nur was sie sich zutraue, unterrichte sie auch. "Aufsätze zu beurteilen fällt mir sehr schwer", räumt sie ein. Mathematik dagegen mache sie aus dem Stegreif. Um sich in Geschichte fit zu halten, lese sie viel. Für Naturwissenschaften haben sie sich einen Experimentierkasten angeschafft. Deutsche Lehrpläne und Schulbücher dienen der 39-Jährigen als Orientierung. Auch die Kinder haben bei der Unterrichtsvorbereitung ein Wort mitzureden. Sie surfen im Internet, probieren Lern-Software aus oder suchen nach Informationen in Bibliotheken. Weitere Anregungen holen sich die Beckers bei anderen Familien, die den Hausunterricht der offiziellen Schule vorziehen.

Etwa 70 deutsche Elternpaare übernehmen den Unterricht selbst: weil ihre Kinder krank sind oder in der Schule nicht zurechtkommen, um sie stärker zu fördern oder ihnen religiöse Werte zu vermitteln. Häufig steckt dahinter eine Unzufriedenheit mit der Schule - manchmal die Angst vor Gewalt und Drogen auf den Schulhöfen. Die Beckers hatten viele Jahre im Ausland verbracht, zuletzt als Entwicklungshelfer in Mikronesien. Nach ihrer Rückkehr nach Freiburg 1996 machten die Kinder erstmals Bekanntschaft mit dem deutschen Schulsystem. Doch damit begannen die Schwierigkeiten, erinnert sich Dorothee Becker.

Die Unruhe im Klassenraum, die ständigen Ablenkungen während des Unterrichts: Das waren die Kinder von der internationalen Schule in Mikronesien nicht gewöhnt, wo Disziplin herrschte. Es fiel ihnen schwer, sich zu konzentrieren. Bald hatten sie keine Lust mehr zum Lernen, die Noten sackten ab. "Es war eine Quälerei für sie", erinnert sich Dorothee Becker. Als die Kinder unter einer chronischen Erkältung litten, verordnete die Hausärztin sechs Wochen häusliche Ruhe.

Um in der Schule nicht den Anschluss zu verpassen, gab ihre Mutter ihnen Nachhilfe. Bis eines Tages die Frage fiel: "Warum kannst du das nicht immer machen? Bei dir verstehen wir alles viel besser." Der Vater war hell entsetzt, die Großeltern hielten die Idee für "total übergeschnappt", die Mutter rang mit sich. Dann fiel der Entschluss: Wir wollen es mit dem Unterricht zu Hause versuchen. Eine klappbare Tafel wurde ins Esszimmer gestellt, Lernmaterial angeschafft, aus der Mutter wurde eine Teilzeitlehrerin in eigener Sache.