Was die Welt zusammenhält
Eine Theorie besagt, dass zwei beliebige Bewohner der Erde nicht mehr als sechs Freunde voneinander entfernt sind. Wer steht eigentlich zwischen dem ältesten Brandenburger und einer Frau, die gerade erst den deutschen Pass bekommen hat?
Wer verbindet Thorsten Trimbuch, bis vor kurzem Student in Senftenberg, mit Markus Mickein, Zivildienstleistender im Altenpflegeheim des Herrn Bredtschneider? Wie findet man den fehlenden Menschen in einer Menschenkette, die von Kiel nach Brandenburg reicht?
Thorsten und Markus verabredeten sich zu einem Telefongespräch, bei dem sie sämtliche Leute aufzählten, die sie an der Fachhochschule Senftenberg kennen. Von Anfang an konzentrierten sie ihre Suche auf die Hochschule, weil sie dort am ehesten einen gemeinsamen Bekannten vermuteten. Doch an der FH studieren etwa 1500 Leute, Thorsten ist ein paar Semester älter als Markus, und leider gehen die beiden abends auch nicht in dieselben Kneipen. Beim Vergleichen der Namen kam also niemand heraus, den sie beide kannten.
Und dieses Mal? Bei einem zweiten Gespräch fällt Markus doch noch jemand von der Fachhochschule ein, wenn auch kein Student: Burkhard Bierhals. Die beiden kennen sich aus der Straße der Energie 27, wo sie bis zum Auszug der Familie Bierhals vor vier Jahren als gute Nachbarn gewohnt und während der Ferien gegenseitig nach den Blumen und der Post geschaut hatten.
Als Thorsten im September 1998 zum Studieren nach Senftenberg kam und ein Zimmer suchte, war Herr Bierhals beim Studentenwerk für die Vergabe der Wohnheimplätze zuständig. »Ich wollte unbedingt ins Wohnheim II«, erinnert er sich. »Es war das schönste und modernste - mit Internet-Anschluss.« Seine Kommilitonen rieten ihm, zu jenem Herrn Bierhals zu gehen. Das tat Thorsten dann auch fast täglich. »Immer schön lächeln«, dachte er sich, »dann klappt das schon mit dem Herrn Bierhals.« So war es dann auch: Thorsten bekam sein Wunschzimmer im Wohnheim II. Und Herr Bierhals? Kann sich jemand, der seit 1992 jedes Semester 400 Studenten in sechs Wohnheimen betreut, überhaupt an diesen Thorsten erinnern? Zumal er seit neun Monaten gar nicht mehr in Senftenberg arbeitet, sondern in Cottbus. »Aber sicher«, sagt er. »Man erinnert sich immer an die Extreme.« Und Thorsten Trimbuch sei extrem nett gewesen, »immer wenn er zu mir reinkam, hat er gelächelt«.
Es ist also geschafft. Die Kette zwischen Behjat Moaali, nach dem Erwerb der doppelten Staatsbürgerschaft Anfang des Jahres eine der »jüngsten Deutschen«, und Georg Bredtschneider, einem der ältesten Menschen in Deutschland, konnte geschlossen werden. Damit steht unser Beleg für die Theorie, dass sich zwei beliebige Menschen über nur sechs Freunde kennen.
Eine Vorstellung, an die wir uns erinnern werden, wenn wir das nächste Mal an irgendeinem Schalter warten müssen: Ganz freundlich werden wir den Zuständigen anlächeln. Schließlich sind wir mit ihm befreundet.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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