Gen-Jäger in Afrika
Erbgutanalysen treiben auch die Agrarforschung der Entwicklungsländer voran
Jenseits der gut bewachten Eisenpforte liegt die Oase. Hinter hohen Büschen ducken sich Reihenhäuser. Durch einen Torbogen glitzert der blaue Grund eines Swimmingpools. Auf dem Campus des International Livestock Research Institute (Ilri) könnten Besucher das Elend der nahen kenianischen Hauptstadt Nairobi fast vergessen. Doch der Pool ist die längste Zeit des Tages verwaist, der nahe Tennisplatz unbespielt, und nur vereinzelt huschen auffällig blasse Gestalten von Gebäude zu Gebäude.
In Ilris kühlen Labors kämpfen Forscher gegen den Hunger der Welt. Ihr High-Tech-Maschinenpark passt nicht in das Klischee einer Afrikahilfe, das sich in Bildern von kreisenden Helikoptern über dem versunkenden Mosambik erschöpft. Ilri arbeitet im Hintergrund, an langfristiger Katastrophenvorsorge, an einer weltweiten "nachhaltigen Viehwirtschaft".
Der wird dringend benötigt: Zwei Drittel des weltweiten Viehbestands grast in den Entwicklungsländern, 90 Prozent davon auf den Höfen von Kleinbauern. Deren Hühner, Schafe und Rinder sind bedroht von unzähligen Parasiten. Allein das East-Coast-Fever und die Rinderschlafkrankheit verursachen jährlich weltweit Schäden im Werte von 8,4 Milliarden Dollar. Medikamente sind oft zu teuer oder wirken nicht mehr. Also setzen die Forscher auf Tierrassen, denen die krankheitsauslösenden Parasiten nichts anhaben können - und auf gentechnisch produzierte Impfstoffe.
Mit konventionellen Mitteln war diesen Plagen bisher nicht beizukommen, denn die krankmachenden Parasiten tarnen sich perfekt. Erst wenn an ihren Oberflächen Eiweißstrukturen als Angriffsziele für einen Impfschutz gefunden sind und auch noch der genetische Bauplan dieser Eiweiße offen liegt, lassen sich große Mengen Vakzine herstellen. Die Fortschritte im Humangenom-Projekt treiben indirekt auch diese Arbeit voran. Während in 20 Jahren lediglich 30 Gene des Parasiten Theileria parva, des Erregers des East-Coast-Fevers, gefunden wurden, waren es allein im vergangenen Jahr 150mal so viel.
Die heimliche Biotech-Revolution bringt nicht nur die Viehwirtschaft voran. Ilri ist nur eines von 16 Forschungsinstituten rund um die Welt, die von einem internationalen Konsortium aus zumeist öffentlichen Geldgebern betrieben werden. Die Institute der Consultative Group on International Agricultural Research (CGIAR) beforschen Getreide in Mexiko, Reis auf den Philippinen, Kartoffeln in Peru oder die Waldbewirtschaftung in Indonesien. Ende Mai wird sich die CGIAR zum ersten Mal auf einem Global Forum on Agricultural Research in Dresden versammeln. Veranstalter ist das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit, das viele CGIAR-Institute fördert.
Um die Gunst der Geldgeber buhlen anerkannte Forscher wie der freundliche Ugander Subhash Morzaria. Er hat sich dem durch Zecken übertragbaren und für Rinder tödlichen East-Coast-Fever verschrieben. Aus seinem Forscherghetto Ilri unterstützt der Molekularparasitologe Kleinbauern wie Njoroge Chege. Der 52-jährige Chege versucht unweit der Forschungsstation auf einem winzigen Flecken, der den Namen Hof kaum verdient, zu überleben. Mit seinen 0,8 Hektar verfügt er über ein Grundstück, das etwas kleiner ist als der kenianische Durchschnitt von 1,2 Hektar. "Allerdings", sagt der verlegene Mann mit dem zerschlissenen T-Shirt, "gehören mir nur 0,1 Hektar, der Rest ist angemietet."
Cheges Frau pflanzt Mais, Bohnen, Kartoffeln, ein paar Bananen und Napiergras für die Kühe. Aber von allem gibt es nicht genug. Also müssen sie etwas dazukaufen. Erst der Erlös der Milch von den beiden Friesischen, die in einem engen Blechverschlag neben dem Wohnhaus stehen, bringt das Geld für Schule und Essen. Jede Kuh gibt elf Liter, ein Teil davon wird an die in einem Winkel der dunklen Küche untergebrachten beiden Kälber verfüttert. Auch die werden bald die Haushaltskasse um umgerechnet 100 Mark aufstocken - ein potenzieller Käufer zeigte bereits Interesse.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
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