"Lieber als Helfer krepieren"

Erstmals wird eine Bundeswehrkaserne nach einem Soldaten benannt, der im Krieg Juden rettete: Anton Schmid, Feldwebel der Wehrmacht, wurde 1942 hingerichtet

In Deutschland wird zum ersten Mal eine Kaserne nach einem Wehrmachtsoldaten benannt, der bis zu 300 Juden rettete und dafür von einem Kriegsgericht zum Tode verurteilt und erschossen wurde. Es handelt sich um den aus Österreich stammenden Feldwebel der Wehrmacht, Anton Schmid. Eine Kaserne der Bundeswehr in der schleswig-holsteinischen Garnisonsstadt Rendsburg soll künftig den Namen dieses Mannes tragen.

Die Umbenennung ist ein Meilenstein in der Auseinandersetzung um die Tradition in der Bundeswehr. Die offizielle Namensgebung der Kaserne in Rendsburg wird am 8. Mai 2000 in Anwesenheit von Bundespräsident Johannes Rau und Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping erfolgen. Der amerikanische Historiker Fritz Stern wird eine Rede halten. Stern, der Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels von 1999, empfahl in seinem Buch Das feine Schweigen, man solle in Deutschland nicht nur den Widerstand ehren, sondern auch jene Menschen, "die spontan aktiven Anstand bewiesen haben". Ein solcher Mann war Anton Schmid.

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Ponary war einer der größten Judenschlachthöfe Europas

Obwohl er schon fast vierzig Jahre alt war, erreichte ihn 1939 ein neuerlicher Gestellungsbefehl, diesmal ausgefertigt von der deutschen Wehrmacht. Als älterer Jahrgang wurde Schmid nicht in einer Fronttruppe, sondern in rückwärtig eingesetzten Sicherungstruppenteilen eingesetzt, zunächst in Polen, dann im Krieg gegen die Sowjetunion. In der litauischen Stadt Wilna gehörte er als Feldwebel der 2. Kompanie des Landesschützen-Bataillons 898 an, die ihn mit der Leitung der örtlichen Versprengtensammelstelle betraute. Er hatte die Aufgabe, deutsche Soldaten im Umkreis des Wilnaer Bahnhofs aufzusammeln und sie neuen Wehrmachteinheiten zuzuweisen. Als Leiter dieser Stelle unterstanden ihm auch 140 jüdische Arbeitskräfte aus dem Wilnaer Ghetto, die als Handwerker für die Wehrmacht tätig waren.

Schmid erfuhr von den systematischen Judenmorden, die seit August 1941 unter der Verantwortung des Einsatzkommandos 3 in Wilna stattfanden, das von dem SS-Standartenführer Karl Jäger befehligt wurde. Man muss wissen: In Litauen und speziell in der Stadt Wilna, die ein Zentrum jüdischer Kultur war und als "Jerusalem Litauens" galt, hatte der Terror gegen die Juden bis zum Oktober 1941 schon in mehreren Etappen gewütet. Tausende von Wilnaer Juden waren bereits umgebracht worden. Am 6. September 1941 wurde die verbliebene jüdische Bevölkerung Wilnas in zwei Ghettos umgesiedelt. In dem einen Ghetto wurden die arbeitsfähigen beziehungsweise ausgebildeten und in dem anderen die nicht arbeitsfähigen Juden zwangsweise untergebracht und mit unterschiedlichen Kennkarten ausgestattet. Die ungelernten Arbeiter wurden in der Folgezeit systematisch selektiert, mit Lastwagen und in Eisenbahntransporten in das etwa zehn Kilometer südlich gelegene Dorf Ponary gebracht und dort erschossen. Ponary war, so der polnische Schriftsteller Józef Mackiewicz, "einer der größten Judenschlachthöfe Europas".

Wehrmachtfeldwebel Anton Schmid war nicht nur Mitwisser der Massenmorde. Er wurde auch Augenzeuge, wie ein erhalten gebliebener Brief an seine Ehefrau Stephanie belegt: "Hier waren sehr viele Juden, die vom litauischen Militär zusammengetrieben und auf einer Wiese außerhalb der Stadt erschossen wurden, immer so 2-3000 Menschen. Die Kinder haben sie auf dem Wege gleich an die Bäume angeschlagen usw., kannst Dir ja denken ..." Das Entsetzen über die Morde in Ponary führte Schmid im Herbst 1941 zu dem Entschluss, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Juden zu retten. Simon Wiesenthal gibt wieder, was ihm Wilnaer Juden, die von Schmid gerettet wurden, nach dem Kriege berichteten: "Unter höchster Lebensgefahr schlich er sich in das Getto, um verhungernden Juden Lebensmittel zu bringen. In seinen Taschen hatte er Flaschenmilch für Säuglinge versteckt. Er wußte, daß sich zahlreiche Juden in den Wäldern versteckt hielten, zwischen ihnen und ihren Angehörigen vermittelte er Nachrichten, er besorgte Brot und Medikamente, ja er entwendete sogar Waffen der Wehrmacht, um sie jüdischen Widerstandskämpfern zu geben."

Es gelang Schmid auch, Juden aus dem berüchtigten Lakischki-Gefängnis zu befreien. In drei Häusern in Wilna, die unter seiner Aufsicht standen, wurden während der Vernichtungsaktionen Juden in den Kellern versteckt. Einer von ihnen, der jüdische Schriftsteller Purpur, fragte den deutschen Feldwebel einmal: "Setzen Sie Ihr Leben nicht leichtsinnig aufs Spiel?" Darauf antwortete Schmid: "Krepieren muß jeder. Wenn ich aber wählen kann, ob ich als Mörder oder als Helfender krepieren soll, dann wähle ich den Tod als Helfer."

Seine Motive deutete Schmid in einem Brief an seine Frau an, in dem er über die Juden berichtete, die bei ihm Zwangsarbeit für die Wehrmacht leisteten: "Die baten mich, ich soll sie von hier wegbringen ... Da ließ ich mich überreden. Du weißt ja, wie mir ist mit meinem weichen Herz. Ich konnte nicht denken, und half ihnen ..." Einer der Überlebenden berichtete: "Alles das hat er getan, ohne dafür Dank zu erwarten. Es tat es aus Herzensgüte. Für uns im Getto war der schlanke, ruhige Mann in seiner Uniform so etwas wie ein Heiliger."

Im Januar 1942 wurde Feldwebel Schmid verhaftet. Die näheren Umstände sind noch immer unklar. Er kam vor das Kriegsgericht der Feld-Kommandantur (V) 814/ Wilna. Dieses verurteilte ihn am 25. Februar 1942 zum Tode. Da das Kriegsgerichtsurteil nicht mehr vorhanden ist, erfahren wir nicht, in welchen Militärstraftatbestand die Richter seine Judenrettungsaktion umdeuteten. Zweieinhalb Wochen später, am 13. April 1942, wurde Anton Schmid erschossen und auf dem Soldatenfriedhof in Wilna begraben. Am Tage seiner Hinrichtung schrieb Schmid in einem Abschiedsbrief an seine Frau und an seine Tochter Grete: "Meine liebe Steffi! ... Ich konnte nichts ändern, sonst hätte ich Dir und Grete alles erspart. Ich habe ja nur Menschen, obwohl Juden, gerettet von dem, was mich ereilt, und das war mein Tod. So wie ich im Leben alles für andere geopfert ... Nun schließe ich meine letzten Zeilen, die ich Euch noch schreibe, und grüße und küsse Euch und Dich, mein alles, auf dieser und der anderen Welt, wo ich bald in Gottes Hand bin, noch vielmals, Dein Euch ewig liebender Toni."

Wie anders wäre alles, gäbe es mehr solche Geschichten

Bereits kurz nach dem Kriege machte der jüdische Schriftsteller Hermann Adler, der 1941/42 zusammen mit seiner Frau Anita von Schmid in dessen Dienstgebäude versteckt worden war, erstmals die Geschichte dieses Feldwebels der Wehrmacht der Öffentlichkeit bekannt. In einem Gedichtband schrieb er: "Ich gedenke auch eines unbekannten Feldwebels aus Wien, Anton Schmid, der durch ein deutsches Kriegsgericht zum Tode durch Erschießen verurteilt wurde, weil er Verfolgte rettete, und der nun unter einem schlichten Holzkreuz am Rande des Deutschen Soldatenfriedhofs in Wilna ruht." Dann wurde sein Fall im Eichmann-Prozess, der 1961 in Jerusalem stattfand, erwähnt. In ihrem Buch Die Banalität des Bösen berichtet Hannah Arendt: Er "befehligte einen Streifendienst in Polen, der verstreute und von ihrer Einheit abgeschnittene deutsche Soldaten aufsammelte. Im Verlauf dieser Tätigkeit war er auf die Mitglieder der jüdischen Untergrundbewegung gestoßen, darunter auf Herrn Kovner, ein prominentes Mitglied, und er hatte den jüdischen Partisanen mit gefälschten Papieren und Wehrmachtfahrzeugen geholfen. Vor allem aber: ,Er nahm kein Geld dafür.' Das währte fünf Monate lang, vom Oktober 1941 bis zum März 1942. Dann wurde Anton Schmid verhaftet und hingerichtet."

Hannah Arendt fährt fort: "Während der wenigen Minuten, die Kovner brauchte, um über die Hilfe eines deutschen Feldwebels zu erzählen, lag Stille über dem Gerichtssaal; es war, als habe die Menge spontan beschlossen, die üblichen zwei Minuten des Schweigens zu Ehren des Mannes Anton Schmid einzuhalten." Dann lässt sie eine bedeutsame Reflexion folgen: "Und in diesen zwei Minuten, die wie ein plötzlicher Lichtstrahl inmitten dichter, undurchdringlicher Finsternis waren, zeichnete ein einziger Gedanke sich ab, klar, unwiderlegbar, unbezweifelbar: wie vollkommen anders alles heute wäre, in diesem Gerichtssaal, in Israel, in Deutschland, in ganz Europa, vielleicht in allen Ländern der Welt, wenn es mehr solche Geschichten zu erzählen gäbe."

Anton Schmid hat als einer der wenigen Judenretter aus den Reihen der Wehrmacht "aktiven Anstand" bewiesen. Er war kein Widerstandskämpfer in engerem Sinne. Er schrieb keine Meldungen und Denkschriften. Er wollte keine Befehlslagen und Machtstrukturen ändern. Vielmehr wirkte er praktisch und konkret nach unten hin. Anton Schmid, ein "eingekleideter Zivilist", ein zum Kriegsdienst gezwungener Wiener Handwerker, konnte sich seine vor dem Eintritt in die Wehrmacht erworbene, humane Orientierung bewahren.

Wenn wir uns heute seiner ehrend erinnern, so tun wir dies auch in der bitteren Erkenntnis, dass die Ermordung der europäischen Juden nur geschehen konnte, weil nur ganz wenige Angehörige der Wehrmacht handelten wie Anton Schmid. Sein Name steht nämlich auch für den Tatbestand, dass es Freiräume für solche Rettungstaten gab. Nur wurden sie nicht genutzt.

 
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