Ich habe einen Traum
Anke Engelke, 35, in Kanada geboren, erlangte Kultstatus als Komikerin der Sat.1-»Wochenshow«. Vor kurzem hat sie die Sendung verlassen, um mehr Zeit für ihre eigene Comedy-Reihe »Anke« und ihre Tochter Emma zu haben. Sie träumt von einer R
Gerüche bestimmen mein Leben. Ich bin ein Nasenmensch auf der Suche nach den tausend Gerüchen dieser Welt. Ich mache eine Reise. Ich starte in Frankfurt. Ich habe Flugangst, das weiß ich. Meine Schwester ist Stewardess, sie kennt Schauermärchen, ich sage Ihnen, die will ich lieber nicht erzählen. Neulich, dieser Irre in der LTU-Maschine in Berlin. Drückt dem Kapitän den Kehlkopf zu. Wie soll der fliegen, wenn er keine Luft bekommt? Ich habe Angst vor einem Sturzflug, habe Fantasien von durchgeknallten Passagieren und lebensmüden Piloten. Flugangst kommt von zu viel Fantasie. Boris Pastewka hat sich seine Flugangst wegtherapieren lassen. So weit bin ich noch nicht.
Ich versuche es mal mit dem Traum. Es passieren wirklich komische Dinge: Ich komme in das Flughafengebäude, sehe den geputzten Boden, und schon steigt mir Chemie in die Nase, die ich aber eigentlich ganz schön finde. Sauberkeit macht mich heiter, obwohl ich sofort in diesem Flughafen an Loriots Bananengeschichte denken muss. Einer will eine Bananenschale loswerden, findet aber keinen Mülleimer und schickt sie schließlich per Post zu sich nach Haus.
Aber jetzt: Flugangst. Folgendes passiert: Ich sinke in meinen Sessel, und die Luft, die mein Po verdrängt, steigt nach oben und mit ihr ein Stoff, der die Angst vernebelt. Bittermandel! Ich drehe ab. Aus der Abdeckung über mir fällt eine Sauerstoffmaske. Ich setze sie auf. THC! Ich schiele. Frisches Gras, hm, lecker. Der unwahrscheinliche Fall eines Druckverlusts. Wahnsinn. Wir sind schon in den Wolken. In meinem Kopf gewittert es leicht, ohne Donner. Ich lehne mich zurück. Meine Maske drückt, ich setze sie ab und habe plötzlich Ingolf Lück neben mir, der eigentlich nicht gebucht hatte. Ich quassle ihn voll. Er ist genervt, aber hört, wie immer, liebevoll zu. Als er es nicht mehr aushält, steigt er aus und wechselt auf den Flieger, der gerade auf unserer Höhe ist - in 11 000 Metern. Seine Haare vereisen, ich winke ihm hinterher, bis ich seinen Umsteiger-Jet aus den Augen verliere. Er will nach Island, weil man da so laut singen kann, ohne dass man gleich Beifall bekommt. Denn dort brodeln die Geysire so heftig wie die Gerüchteküche um die Wochenshow- Crew.
Ich strecke meine Arme aus, durch die Scheiben des Flugzeugs, um die Wolken zu berühren. Das geht ganz leicht, ist ein bisschen kühl und nass. Au! Mein Arm trifft meine Großmutter. Ich hole sie ein, meine Omi, die in ihrem Wolkenheim einen Mittagsschlaf machte. »Kind«, sagt sie zu mir, »wie siehst du denn aus?« Ich sage erst mal nichts. Dann: »Hallo, Omi, lange nicht gesehen.« Sie wackelt mit ihrem Kopf, hebt den Finger und sagt: »Du hast aber Augenränder. Wo fliegen wir eigentlich hin?« Sie trägt ein altrosafarbenes Kostüm, schicke Ohrringe und einen dunkelblauen Schal aus Mohairwolle. Sie riecht nach Paloma Picasso. Eigentlich ein bisschen zu modern. Ich sehe, sie ist seit ihrem Tod vor bald zehn Jahren nicht älter geworden. Ich beschließe, sie zu schonen. »Nach Indien, zum Grabmal des Tadsch Mahal.« Sie findet es o. k., ich kuschle mich in ihre Arme und schlafe ein.
Als ich aufwache, hat sie mit der Kabinenbesatzung ein Essen gekocht. Ich stopfe mich voll, genieße und schlafe weiter. Großmutter erzählt mir von der Gärtnerei, in der sie die letzten Jahre arbeitete, von den Blumendüften und wie es ist, wenn man seine Hände in schwarze, feuchte Erde steckt und anschließend daran riecht. Wir sind am Tadsch Mahal. Uns begegnen Mosaiken an den Wänden, an den Decken, an den Böden. Es ist ganz dunkel. Da, eine Taschenlampe! Ein Führer hat sie vergessen. Was für eine Lichtorgie - diese kleinen Edelsteine, die Intarsien. Es funkelt und blitzt wie in einer Disco der siebziger Jahre. Marmor überall, den der Taj Mahal für seine Frau hat herankarren lassen, denn dies ist ihre Ruhestätte.
Großmutter trippelt neben mir, die Augen vor Staunen weit offen, und jetzt entströmt ihr der Geruch von Kamille. Plötzlich: eine Kreuzung. Hilfe! Rechts, links, geradeaus. Drei Schilder: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. »Wohin, Oma?« - »In die Zukunft, mein Kind. In die Zukunft.« Wir gehen geradeaus. Plötzlich wird es sehr kalt, wir frösteln, und auch der Geruch verändert sich. Er wird metallen, eine Mischung aus Karbid und Schweißerasche. Ist das der Geruch der Zukunft? Parfüm aus rostigem Stahl?
Ein Kinderschrei ertönt. Und dann: Licht. Gleißend hell, wie 10 000 Watt. Ich denke: Den Schrei kennst du. Es ist Emma. Mein dreieinhalb Jahre altes Mädchen. Die Süße, meine Tochter. »Uuups«, entfährt es mir, »was tust du hier?« - »Aber Mami«, sagt sie zu mir, »ihr habt vorhin an mir gerochen. Und deshalb bin ich jetzt hier.« Ja. Ich hatte Omi auf einen Bougainvillea-Strauch aufmerksam gemacht, der vor den Toren des Grabmals stand. Seine Blätter sehen aus wie Blüten: Sie strahlen weithin rosarot, und nur der winzige, gelbe Kelch, manchmal nicht größer als zwei Stecknadelköpfe, ist die Blüte. Geruchlos. Immer wieder rieche ich an ihnen, in der Hoffnung, da kommt noch was. »Aha«, sage ich zu Emma. »Du wohnst in einer Blüte.« Ich wusste: Meine Tochter ist mir ähnlich.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







