Wie du und ich
Sat.1, 28. 4.: Stunde der ...
Was bei Big Brother noch auffällt, nämlich dass Fernsehmacher harmlosen Bürgern nachstellen, ihr Privatleben abfilmen und die Ausbeute zu Unterhaltungszwecken verwursten, ist bei Spielshows längst Routine. Es begann mit Konzepten wie Verzeih mir, wo die Vorgeschichte der Versöhnung auf der Bühne filmisch ja irgendwie eingeholt werden musste. Da wurden also Leute wie du und ich zu Hause besucht und mit der Kamera begleitet, während sie sich von langer Hand auf ihren Auftritt vorbereiteten; Rudi Carrell trieb es mit seinem Lass dich überraschen- Aberwitz ähnlich, und die Nachmittagstalkshows verwandeln gleich das ganze Studio in eine Intimsphäre. Die Trennlinie zwischen kamerafreiem Privatraum und TV-Studio wurde systematisch verwischt, bis sie heute zu verschwinden droht. Aber was heißt "droht" ... Sie verschwindet bei Bedarf prompt und spurlos, weshalb der Widerstand, der in dieser Kolumne gegen das besinnungslose Herumspitzeln von Kameras im "Leben" immer wieder geleistet wurde, hiermit ausdrücklich aufgegeben wird. Solange es erlaubt bleibt, die Tür verschlossen zu halten, wenn das Fernsehen anklopft, sollen diejenigen, die es begeistert reinlassen, tun, wie ihnen beliebt. Es ist nun mal so: Nicht nur die Macher brauchen und suchen die "Leute", von Lieschen Müller bis Zlatko, auch die "Leute" wollen ins Fernsehen. Der Verdacht, hier würden geistig arme Naivlinge von geriebenen Geschäftemachern entwürdigt, ist lächerlich. Stattdessen waschen sich zwei Hände.
Auch in der Stunde der Wahrheit sind Fernsehen und Leute aufeinander angewiesen, und hier hat die Chose echt Charme: Moderator Clerici besucht seine Kandidaten zu Hause, erklärt ihnen die "Aufgabe" - zum Beispiel 25 Frisbee-Scheiben aus 6,6 Meter Entfernung in nur einer Minute in den Korb schleudern - und lässt sie dann beim Training filmen. In der Stunde der Wahrheit, nämlich im Saal vor Publikum, zeigen die Leutchen, was sie gelernt haben, und wenn's glückt, wird ein Traum (Auto, Reise) wahr. "Jetzt müssen wir's machen", haucht der attraktive Showmaster, während er die nervöse Kandidatin zur Kür führt, "Martina, du kommst mit mir." Dann geht's los. Ehemann und Kinder sind dabei, auf den Familienbezug wird Wert gelegt. Leider schafft Martina nur 14 Frisbees. Aber es ist toll zu sehen, wie sie pfeffert.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 2000
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







