Die Angst der Revolverhelden
Weil Amerikas Kinder um sich schießen, gerät die Waffenlobby unter Druck. Reise ins bewaffnete Bewusstsein einer Weltmacht
Wer immer diesen Flecken Oxford genannt hat, muss Großes im Sinn gehabt haben. Übrig geblieben sind die abgeblätterten Fassaden einer amerikanischen Kleinstadt. Entlang der Hauptstraße ducken sich Ladenzeilen mit flachen Dächern. Einige Schaufenster sind leer und verstaubt, den Friseur gibt es noch, die Bar, das Gemeindehaus, eine Anwaltskanzlei. Nur die Tankstelle mit Supermarkt und Fast-Food-Ecke zieht tagsüber mehr als drei Leute auf einmal an. Vom Wirtschaftsboom redet hier keiner, der findet woanders statt. Wer hier geblieben ist, lebt in der trotzigen Nostalgie der Zurückgelassenen. Man träumt von Zeiten, da "gute Arbeit" noch etwas mit ölverschmierten Händen zu tun hatte, fiebert auf den Beginn der Jagdsaison im Herbst und ist stolz darauf, dass in Oxford keiner nachts die Haustür abschließen muss. "Wenn mal was ist, hat ja fast jeder eine Knarre."
Norman Hall wird erst mit seinen Kumpels und dem Jagdgewehr losziehen, dann allein mit Pfeil und Bogen. Das Fleisch dürfte für ein paar Monate reichen. In Gegenden wie dieser wird gegessen, was geschossen wird. Das spart Geld. Hall geht auf die Jagd, seit er 13 ist. Er steht in seiner Werkstatt, immer noch unsicher, ob es klug war, sich auf Journalistenfragen einzulassen. "Sie wollen was über Waffen wissen? Am Ende schreiben Sie ja doch nur, dass wir alle Rednecks sind."
Hall war 14, als er in die National Rifle Association (NRA) eintrat. Als Mitglied auf Lebenszeit. Er ist kein Rambo-Typ, und für die Landsleute, die jedes Jahr im Tarnanzug zum "Nationalen Maschinengewehr-Festival" auf einen Acker in Kentucky pilgern, hat er schon überhaupt nichts übrig. Allerdings, er teilt mit ihnen ein Gefühl der ominösen Bedrohung.
Oxford liegt im Bundesstaat New York, den Hillary Clinton demnächst als Senatorin im US-Kongress vertreten will. Man nennt sie in dieser Gegend grundsätzlich beim Vornamen, was kein Kompliment ist, sondern ein Synonym für "Miststück". Die Gründe für die Abneigung sind vielfältig, aber seit Bill Clintons Regierung offen für eine schärfere Waffenkontrolle eintritt, hat sie sich zur Wut gesteigert. Gerade in ärmeren, von Weißen bewohnten Regionen ist der Glaube verbreitet, dass eigentlich Hillary das Land regiere, während Bill seine kümmerliche Männlichkeit an Praktikantinnen beweisen müsse. Hillary gilt Leuten wie Norm Hall als treibende Kraft hinter dem Angriff auf eine amerikanische Bastion.
"Die werden versuchen, uns die Waffen abzunehmen."
"Aber Clinton hat nur vorgeschlagen, Waffenscheine einzuführen."
"Das ist die Vorstufe. Irgendwann probieren sie es dann mit einem Gesetz, dass man die Waffen abgeben muss. Und wenn man das nicht tut, werden sie sie konfiszieren ..."
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
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