Auf der Straße
Ein wunderhübscher Name, Lila Lili, und die Krönung eines Filmes, der ansonsten mit Namen nicht herumhübscht und auch nicht alles gleich benennt, was er zeigt. Eine blasse Autostraße mit Mittelstreifen ist nur eine blasse Autostraße mit Mittelstreifen. So fühlt sich Normalität an. Urplötzlich stürmt eine Person von links nach rechts das Bild und unser Interesse. Ein Mädchen in Schwarz, ein bisschen mürrisch, mit einem enormen Haarschopf. Es ist ihr Film. So viel steht von eben auf jetzt fest. Auch wenn sie keine glanzvolle Gastgeberin ist. Peu à peu, Szene für Szene und in einer Art brüskem Impressionismus zeichnet sich dann ab: Sie spielt Handball, nur jetzt nicht, sie ist schwanger. Sie wohnt in einem Frauenhaus, guckt viel, redet wenig, will das Kind. Ach ja, sie heißt Micheline. Die anderen Frauen im Heim träumen von schönen Namen für ihre Kinder, Micheline denkt sich "faule Zähne" aus. Sie meint es nicht so. Es steckt Liebe darin. Wie im Film Lila Lili an sich. Die Autorin und Regisseurin Maire Vermillard macht das beneidenswert lebendige und lebensnahe französische Kino um einen bemerkenswert lebendigen und lebensnahen Film reicher. Es scheint so leicht zu sein: eine junge Frau, ein Frauenheim, soziale Bodenhaftung, etwas Poesie (in Gestalt eines galoppierenden Hirsches), Bedrohungen und Beunruhigungen am Rande (die Kinder könnten ertrinken, die Freundin hat Krebs). Dazu eine Kamera, die mit den Augen der jungen Frau guckt. Und zum Schluss Wehen an der bekannten Straße und Namensschreie. Lila Lili.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19/2000
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren