Ausgestellt, versetzt

Polarforscher Pearys Eskimo

Die Geschichte, die Kenn Harper erzählt, erregte zweimal die philanthropischen Gemüter amerikanischer Liberaler: 1909, als Miniks Schicksale von der Boulevardpresse New Yorks aufgegriffen wurden, und 1986, als Harpers Buch erschien. Miniks Geschichte könnte so oder so ähnlich auch von den Beduinen, Kalmücken oder Prärieindianern erzählt werden, die Carl Hagenbeck in seiner Völkerschau dem staunenden Publikum präsentierte. Sie unterscheidet sich nur darin von der der anderen exotischen Unglückswesen, dass in ihr zwei prominente Figuren als Übeltäter auftreten: Robert Edwin Peary, der seit 1909 nicht unumstritten als Entdecker des Nordpols gilt, und Franz Boas, eine der Gründerfiguren der modernen Ethnologie.

Bevor Peary die Polgegend erreichte, verbrachte er rund 18 Jahre unter den grönländischen Eskimos, wo er sich laut Harper als rassistischer Ausbeuter und Prahlhans profilierte, es aber nicht einmal zu brauchbaren Sprachkenntnissen brachte. 1897 gelang ihm ein erster spektakulärer Raubzug.

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Als er mit einem knapp 40 Tonnen schweren Meteoriten (der einzigen Metallquelle der Inuit) und sechs Original-Eskimos an Bord in New York einlief, war sein Ruf als Heros der Arktis gesichert. Die bestaunten Eingeborenen wurden samt Fellkleidung, in der sie fürchterlich schwitzten, und Gerätschaften im American Museum of Natural History abgeliefert. Dort erkrankten sie in kürzester Zeit an Grippe und Lungenentzündung und starben, bevor noch die Wissenschaft ihre Apparaturen auf sie richten konnte. Einziger Überlebender war der damals sechs- oder siebenjährige Minik, den man in die Obhut eines kinderfreundlichen Museumsangestellten gab. Sein Vater Qisuk, eben nur im Polareis "ein nützliches Werkzeug" (Peary), endete als Eingeborenenskelett in der Museumsvitrine.

Ohne seine indigene Bezugsgruppe wissenschaftlich unergiebig geworden, wuchs Minik, ständig kränkelnd, zu einem vereinsamten jungen Amerikaner heran, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlug, bis ihm Pearys Ruhm als Polarsieger die Gelegenheit gab, die Presse zu mobilisieren. Mit der öffentlichen Drohung, Peary erschießen und die Museumsleiter (Boas war seit 1900 dort Kurator) bloßstellen zu wollen, konnte er einige Anteilnahme erregen. Man hatte ihm vorgegaukelt, sein Vater sei anständig begraben worden und er selber werde mit dessen sterblichen Resten nach Grönland zurückkehren können.

Doch Peary wie das Museum stritten jede Verantwortung für ihr Mündel ab. Erst als der öffentliche Druck für Miniks Repatriierung ernstlich Schatten auf Pearys Ruhm zu werfen begann, wurde ihm 1909 die Passage in die Heimat gestattet und finanziert. Dort musste er sich die verlorene Sprache und die vergessenen Fähigkeiten wieder aneignen, ohne jedoch wieder ganz in seine Kultur zurückkehren zu können. Er träumte von Polexpeditionen auf eigene Eskimofaust, erwarb sich mit Erzählungen aus Amerika den Ruf eines Lügenboldes und irritierte die inzwischen eingetroffenen dänisch-grönländischen Missionare durch sein aufgeplustert-ranschmeißerisches Gehabe. Peter Freuchen, ein Händler, der Minik zeitweise in sein Haus aufgenommen hatte, machte ihn (in Ivalu, 1931 bei der Büchergilde Gutenberg) zur Romanfigur. Minik starb, nachdem er an etlichen (weißen) Polarexpeditionen teilgenommen und noch einmal vergeblich versucht hatte, die Gebeine seines Vaters aus Boas' Vitrine heimzuholen, 1918 an der spanischen Grippe in einem Holzfällercamp in New Hampshire.

Als sich Kenn Harper mit einer Inuit verheiratete, stieß er auf Miniks Legende. Die Ältesten unter seinen neuen Verwandten konnten sich noch lebhaft an den Mann, der unter den Weißen gelebt hatte, erinnern. Harper, von Beruf Immobilienmakler, begann zu recherchieren, erst in Grönland, dann in den USA.

Akribisch und bis in jede Kommentierung von Sympathie und Mitleid für die missbrauchten Eskimos durchdrungen, hat er Miniks Leben rekonstruiert.

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