Avantgarde

Jetzt, wo sie älter werden, sind wir versucht, sie immer lieber zu mögen, unsere 68er. Und die 68er anderer Leute erst recht: zum Beispiel den US-Präsidenten. Auf einem Propagandavideo des Weißen Hauses konnte man Bill Clinton jüngst Wäsche waschen sehen. Auch rannte er der Gattin mit belegten Broten hinterher. Es gibt ein Leben nach der Politik, suggerierten diese Bilder: Es ist nicht schlimm, sich von der Macht zu trennen. Doch wir, eine im Kampf gegen die repressive Toleranz der 68er frühzeitig ergraute Generation, haben Grund, dieser plötzlichen Altersmilde zu misstrauen. Was führen die Baby-Boomer im Schilde? Jahrzehntelang wollten sie die Jüngsten, die Radikalsten sein. Die Politik war ihre Domäne, Jüngere mussten sich in der Spaßgesellschaft tummeln. Nun, wo die 40-Jährigen mühsam gelernt haben, ihre politischen Interessen zu verfolgen, sammeln sich die 68er unter Clintons Führung zum letzten Gefecht. Noch einmal werden sie Avantgarde sein: die besten Alten, die es je gab. Abgeklärt, jenseits aller Machtversessenheit entspannt die Hecke stutzend. Das wirklich selbst bestimmte und politische Leben nämlich führt man im Ruhestand. Doch auch den werden die Jüngeren, wie üblich, zu spät erreichen.

 
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