Being Ernst August

Schon der Weg zum Tisch zeigt mir die Vorzüge des Adels: Wir werden nicht geführt, sondern geleitet, und eifriges Kopfnicken der Gäste begleitet jeden Schritt. Ich bin im Kopf von Ernst August, Prinz von Hannover, dem Prügelprinzen, der wegen seiner Fäuste, seinem Mundwerk, seinem Regenschirm gefürchtet wird. Mit seiner Frau Caroline will ich in einem Restaurant unweit des Kasinos von Monte Carlo etwas essen.

Der Körper fühlt sich gut an, sehr geräumig. Die Arme baumeln wie stets einsatzbereite Raketenwerfer an mir herab, doch ich habe mir geschworen, sie nicht zu benutzen, denn als höflicher Mensch will ich das Image des Prinzen etwas aufpolieren - schließlich hat er nicht mich geschlagen, sondern bloß ein paar Kameramänner und Clubbesitzer. Caroline ist wunderschön in ihrem Abendkleid von Escada. Ich bekomme Lust, sie zu vernaschen.

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Guten Abend, Herr Prinz, guten Abend, Frau Prinzessin!, begrüßt uns ein Kellner. Na, na: Ladies first!, korrigiere ich und lächle. Der Kellner zuckt zusammen. Schon gut, sage ich, nehme Carolines Hand und streichle sie. Was möchtest du essen, mein Engel? Auch Caroline zuckt zusammen. Sie entscheidet sich für das Lammkarree ich nehme das Gleiche. Ihre Hand ist so wunderbar weich und zart, dass ich sie nicht loslassen kann und sie liebkose, wie noch nie eine Prinzenhand eine Prinzessinnenhand liebkost hat. Sie zieht sie weg, zitternd. Was ist los?, frage ich besorgt. Du ..., du bist so anders, sagt sie leise, fast ängstlich.

Erst jetzt bemerke ich die Stille im Restaurant und die Blicke der Gäste, allesamt in einer Mischung aus Staunen und Furcht auf mich gerichtet. Ich stehe auf und hebe die Ernst-August-Hand zum Friedensgruß, doch bevor ich etwas sagen kann, ducken sich die Leute schon unter die Tische.

Niemandem wird etwas geschehen!, rufe ich voller Verzweiflung, doch die Menge stürzt aus dem Restaurant, und gerade als ich in Carolines entsetztem Gesicht die Antwort auf diese Panik suchen will, packt mich von irgendwoher aus dem Körper des Prinzen eine dunkle Kraft im Genick - ist es die Erbkrankheit Porphyrie, wie das Magazin der Süddeutschen Zeitung vermutet, oder etwas noch Schlimmeres?

Ein paar Sekunden später finde ich mich auf dem Roulettetisch wieder, in den Augen ein Brennen und im Kopf das Bild einer wunderschönen, traurigen Prinzessin.

 
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    • Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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    • Schlagworte Escada | Restaurant | Gas | Adel | Körper | Hannover
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