Being Karlheinz Schreiber
Eine Viertelstunde vollkommen in der Wahrheit aufgehen: Das muss Kraft für ein ganzes Leben geben. Wie vor ihm der Dramatiker Henrik Ibsen ist auch der Geschäftsmann Karlheinz Schreiber ein Fanatiker der Wahrheit. Nun bin ich in seinem Kopf, die Lüge hat hier keinen Platz, und da Schreiber mit Waffen und Teppichen handelt, kann es nicht überraschen, dass sein Kopf ein Panzer ist, schön ausgelegt mit einem Perser.
Von außen ähnelt der Kopf dem des Schauspielers Siegfried Lowitz, der in der Krimiserie Der Alte jedes Verbrechen ans Licht gezerrt hat. Das Gleiche tut ja Schreiber jetzt, und plötzlich bemerke ich in Schreibers Kopf noch einen anderen Menschen, er steht hinten in der Kopfecke: Es ist Konrad Adenauer. Er erzählt, dass er Schreiber auserwählt hat, die CDU durch die Spendenaffäre in eine Krise zu stürzen, weil die Partei nur so in der Lage sei, ihre Stärke wiederzuerlangen.
Schreiber und ich, wir befinden uns im kanadischen Exil, vertrieben aus Bayern, aber unsere Heimat ist die Wahrheit. Wir sitzen an einem Gebirgsbach und fangen Lachse mit der Hand, ich trage Cordhose und Baumwollhemd, und aus einem Kassettenrekorder kommen Lieder von Glenn Gould und Neil Young - die größten Musiker, die Kanada hervorgebracht hat, sind Wahrheitskünstler, denke ich. Die Sonne brennt herab vom Himmel, doch was bedeutet sie schon im Vergleich zu dem Feuer der Wahrheit in diesem Kopf?
Ich bin Schreiber, der Geschichtsschreiber, ich habe die Republik erschüttert, wie es zuletzt 1968 die Apo schaffte, und als Umstürzler analysiere ich die Lage in Gegensätzen, mein Instrument ist die Dialektik, die Lobby ist ein Hobby. Ich bin angetreten gegen das Vergessen der Politiker, ich bin der Gedächtnisretter, und nun, nach einer Viertelstunde in Karlheinz Schreibers Kopf, muss ich wieder raus, denn die volle Ladung Wahrheit scheint mich in den Größenwahn zu führen: Während Glenn Gould gerade eine Fuge von Bach spielt und ein Lachs in meiner Hand zappelt, bilde ich mir ein, ich könnte sogar Alzheimer heilen.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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