Belletristisch befriedigt

Beginnen wir mit einer peinlichen, aber unbestreitbaren Wahrheit: In den Vereinigten Staaten haben Bücher eine geringere Bedeutung als in Europa. Die Amerikaner kaufen pro Kopf rund halb so viele Bücher wie die Deutschen, und was sie dann kaufen, sind zunehmend schablonenhafte Bestseller. Zwischen 1986 und 1996 verdoppelten die meistverkauften Bestseller ihren Anteil am amerikanischen Markt. Schlimmer noch: Die Mehrzahl dieser Bestseller wurden gerade mal von sechs Autoren produziert (kann man "geschrieben" sagen?): Tom Clancy, John Grisham, Stephen King, Dean Koontz, Michael Crichton und Danielle Steele.

Gleichzeitig schenken die Amerikaner ausländischen Büchern so gut wie keine Beachtung. "Es ist schockierend, dass wir nicht mehr lesen, und besonders bestürzend ist der Rückgang bei ausländischer Literatur", sagt Charles McGrath, der Herausgeber der New York Times Book Review. "Wir exportieren Schrott in die Bestsellerlisten der ganzen Welt, Importe finden dagegen kaum statt."

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Zudem ist das kulturelle Gespräch über Bücher in den USA weit weniger präsent, bedeutend und informiert als in Europa. Jeder amerikanische Schriftsteller, der Europa bereist, um seine Bücher vorzustellen, wird bestätigen: Man ist immer wieder - freudig - überrascht, dass die Interviewer das Buch tatsächlich schon gelesen haben und man ins Fernsehen kommt, ohne sich dafür auch noch ausziehen zu müssen.

Dennoch wird in den USA (noch) ernste Literatur gelesen. "In mir sind Mengen", schrieb Walt Whitman, der erste große amerikanische Dichter, und dieses Wort trifft auch heute noch zu

ebenso wie Millionen Amerikaner lieber ins Museum gehen, als sich am "Super Bowl Sunday" Football anzusehen, gibt es Millionen Leser, die nach Qualität suchen und sich nicht von den Bestsellerlisten und den Werbestrategen, die diese bestücken, blenden lassen.

Überraschend viele Insider des Buchgewerbes sind sogar optimistisch hinsichtlich der Aussichten guter Bücher in Amerika. Dazu verweisen sie auf die Ausbreitung von "Lesegruppen", regelmäßige Zusammenkünfte von Freunden und Nachbarn, zumeist bei jemandem zu Hause, wo ein Buch besprochen wird, das zuvor alle gelesen haben.

In den USA gibt es Tausende von Lesegruppen, die einflussreichste aber findet ironischerweise im Fernsehen statt, und zwar in der Sendung der führenden Talkerin des Landes, Oprah Winfrey. Oprah hat ein Millionenpublikum, daher schießt jedes Buch, das für ihre Lesegruppe ausgewählt wurde, sofort in die Bestsellerliste. "Aber Oprah sucht nicht nur anspruchslose Bücher aus", sagt Elise O'Shaughnessy, Redakteurin von Vanity Fair. "Sie wählt Romane, die einen inspirativen Ton, aber auch literarische Qualitäten haben, wie I Know This Much Is True von Wally Lamb."

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