Big Brother's little sister

Sophie Calles dreifach erlogene Fotogeschichten

Das Leben ist immer nur so gut wie die Geschichten, die es schreibt. Das weiß auch die französische Künstlerin Sophie Calle - und gibt dem Leben Nachhilfeunterricht in Sachen Autorenschaft. Fotografisch hält sie fest, wie sie ihr Netz aus Geschichten webt und sogar ahnungslose Unbeteiligte in den narrativen Kokon einspinnt, mit dem sie sich selbst umhüllt. Weder vor der eigenen noch vor der fremden Intimsphäre macht sie Halt und passiert unerschrocken den schmalen Grat zwischen Realität und Fiktion. Sophie Calle ist eine Spionin auf der Suche nach den Möglichkeiten der subjektiv-symbolischen Aufladung des Alltäglich-Banalen. Mit dem schweren theoretischen Werkzeug der französischen Denker im Gepäck, macht sie sich auf zu ihren erzählerischen Expeditionen in Fragen der Existenz, Identität und Intimität, fragwürdiger Rollen und eingefahrener Rituale.

Der Reigen der Calleschen Storys beginnt 1979, als sie ihr bekannte wie unbekannte Menschen einlädt, nacheinander für einige Stunden in ihr Bett zu schlüpfen undd sie die Gastschläfer fotografiert. 1980 verfolgt sie - mit einer Perücke verkleidet - einen Fremden bis nach Venedig und lichtet ihn ab, bis er sie entdeckt und weitere Aufnahmen verbietet. 1981 lässt sie sich von einem von ihrer Mutter angeheuerten Detektiv "beschatten" und stellt am Ende die Schnappschüsse und Aufzeichnungen ihres "Alter Ego" ihren eigenen Tagebucheintragungen gegenüber. Im Rollentausch von Beobachter und Beobachtetem, in der Konfrontation von Eigen- und Fremdwahrnehmung, von Voyeurismus und Exhibitionismus erscheint das Ich plötzlich nur noch als ein vages Konstrukt.

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Von der Detektivgeschichte bis hin zur Liebesromanze, von der kriminalistischen Verfolgung bis hin zur journalistischen Recherche - alles spielt Sophie Calle durch, sammelt fotografisch Daten und Dokumente, Spuren und Erinnerungen als Indizien und bindet dabei den Betrachter als Komplizen ihrer voyeuristischen Lust mit ein. Tagebuchartige Texte, die kurz, ja überraschend nüchtern ihr jeweiliges Vorgehen erklären, stellt sie über ihre eigentlichen Fotoserien. Calle will nicht reine Fotografin sein, und als reine Schriftstellerin glaubt sie zu schlecht zu sein - so die kokette Selbsteinschätzung der 1953 in Paris geborenen Künstlerin mit der umtriebigen Biografie einer Barfrau, Dompteuse und Stripperin. Die Fotografie interessiert sie als Instrument der Macht, das sich im voyeuristischen Gebrauch voll entfaltet. Die Beweislast erdrückt im Zweifelsfall den Observierten.

1983 inspiziert sie - ausgestattet mit einer neuen Identität als Zimmermädchen - die Utensilien diverser Hotelgäste. Calles programmatische Indiskretion überschreitet auch hier die üblichen Grenzen zwischen Öffentlichem und Privatem. 1986 fragt sie Blinde, was für sie Schönheit bedeutet, und bildet die genannten Dinge ab - vom Meer bis zur Marienfigur.

Sie spekuliert mit dem Moment der Rührung, weil viele dieser Bilder der Schönheit aus der reinen Imagination entstanden sind.

1994 setzt sie sich neben eine New Yorker Telefonzelle, verteilt Sandwiches, lächelt Passanten an und wartet auf eine erwidernde Geste - die Feldforschungen im Bereich der menschlichen Beziehungen, eingebunden in selbst geschaffene Rituale, gehen weiter. 1996 fotografiert sie die Überreste und Leerstellen abmontierter DDR-Denkmäler und befragt die Menschen nach ihren persönlichen Erinnerungen an die eingeschmolzenen oder eingelagerten Monumente von Lenin und Co. 1998 entsteht die Chromatis che Diät - eine Fotoserie von täglichen Essensrationen, jeweils streng in einer Farbe gehalten. Ein witziges Wechselspiel zwischen Bild- und Erzählkunst - geht die Serie doch auf einen Roman von Paul Auster zurück, der wiederum von Sophie Calle inspiriert wurde.

In der aktuellen Medienrealität erscheinen die Arbeiten Sophie Calles in einem neuen Licht: Big Brother's little sister is watching you. Doch das, was im Fernsehen Einschaltquotenstrategie ist, trägt bei Calle die Züge ränkeschmiedender Poesie eindeutig weiblicher Provenienz. Ihre Inszenierungen im Spannungsfeld von Neurosen und Neugierden, klassisch weiblichen Klischees also, verleihen ihr mädchenhaft-pubertäre Züge. Sie avanciert zum Groupie Namenloser, das sich in seinen Träumen noch der Illusion hingeben kann, die Regie seines Lebens eigenhändig zu führen. Gleichwohl könnte sie, wenn der momentane Hype einmal verflogen ist, auch ganz rasch wieder verschwinden, weil auch sie der Dialektik von "Gut gedacht - schlecht gemacht" unterliegt.

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