Böse versägt

Die Innenbeleuchtung dimmt langsam herunter. Rote Nadeln pendeln sich auf blau schimmernden Instrumenten ein. D. lässt sich in die Recaro-Schale sinken und seufzt. Dieser Anblick kann sie noch immer erfreuen. Fünfmal pilgerte sie zum Jahreswagenmarkt in Wolfsburg, dann fand sie ihren Traum übers Internet: einen Golf GTI der Baureihe IV in Atlantic-Blue-Perleffekt. 150 PS mit allem Chichi.

Es begann eine stürmische Liaison. 16 000 Kilometer ist D. in einem halben Jahr gefahren. Die meisten davon recht zügig, wie nun auf der Avus, wo sie das Limit von 100 Stundenkilometern um 50 Prozent überbietet. Die Strecke Hamburg-Berlin legte sie (bei einem Durchschnittsverbrauch von 16 Litern) stets in weniger als zwei Stunden zurück. Von Tür zu Tür.

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Dann brach die Realität in das junge Glück ein: Gurthalterungen begannen zu klappern, der Fahrersitz knarrte, in der Lüftung fiepte ein Ventilator. D.

reklamierte, V.A.G. gelobte zu beheben. Doch es änderte sich nichts. Das Interieur rappelte weiter. Bald hatte sich auch die Fahrertür ausgehängt, das Schaltgestänge zu viel Spiel. In D. dämmerte die Erkenntnis, schon wieder ein Montagsauto zu fahren. Bei ihrem vorherigen Wagen, einem Polo aus Pamplona, so erzählt sie immer noch mit einem leichten Beben in der Stimme, hat sie ihren Qualitätsanspruch kompromisslos verfolgt, bis der Händler das Fahrzeug entnervt zurücknahm. Die gutmütige Kinderkrankenschwester ist der Schrecken des Werkstattmeisters. Mein Auto ist das einzige Luxusgut in meinem Leben.

Da bin ich sehr pingelig. Ich will schließlich lange etwas davon haben.

Seit dem Auftreten der Mängel und seit ihr Freund ihr jedes Wochenende die Gebrauchtwagen-Inserate mit günstigeren Gelegenheiten vorliest, lebt D. in ständigem Zweifel. War es vielleicht doch nicht gut, neulich einmal schräg auf dem Bordstein zu parken? Rupft die Kupplung? Läuft die Maschine heute nicht ein wenig unrund? Das wenigstens können wir gleich klären. An der Ampel Ku'damm und Joachimsthaler Straße stehen wir in Pole-Position. Der erste Gang muss bis 50 hoch. Nein, war doch nichts. Das Leben wird nicht leichter mit einem feinstofflichen Empfinden, das sofort ein Fremdeln registriert, wenn jemand anderes den Wagen gefahren hat. Aber das darf sowieso höchstens ihr Freund.

Was wünscht man sich sonst mit 27 Jahren und einem Piercing im Ohr?

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    • Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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    • Schlagworte Piercing | Hobby | Polo | Golf | Wolfsburg | Pamplona
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