Der nukleare Cowboy
Die USA wollen eine neue Raketenabwehr. Europa ist sich nicht einig, wie es darauf reagieren soll
Manches spräche dagegen, Amerikas jüngste Raketenabwehrpläne allzu ernst zu nehmen - nicht zuletzt das Leuchten in den Augen der Strategen. Nach dem Ende des Kalten Krieges wähnten sich die Sprengkopfzähler und Overkillvergleicher vor der drohenden Arbeitslosigkeit. Zumindest mussten sie fürchten, von Globalisierung und ethnisch-religiösen Kriegen in die Bedeutungslosigkeit verbannt zu werden. Aber jetzt: Raketen, Anti-Raketen-Raketen, Reichweitenkalkulationen. Vertraute Klänge, bekannte Gesichter.
Auch ist noch nicht erwiesen, dass die Technik des nationalen Raketenabwehrprogramms (National Missile Defence/NMD) funktioniert. Und selbst wenn der dritte Test im Juni klappen sollte: Der politische Startschuss folgt keineswegs automatisch. Das von der Regierung Clinton entwickelte Modell - ein begrenztes Flugabwehrsystem, das allenfalls ein paar Dutzend Raketen aus "Schurkenstaaten" vernichten könnte und daher nur eine Ergänzung des ABM-Vertrages von 1972 nötig machen würde - stößt nämlich inzwischen auf geharnischten Widerstand aus der Opposition.
Keine Verhandlungen mit den Russen! Und mehr, viel mehr Raketenstopper!, forderten kürzlich 25 republikanische Senatoren in einem Brief an den Präsidenten. Clintons konservativer Widersacher Jesse Helms, Vorsitzender des außenpolitischen Senatsausschusses, stieß das Messer noch einmal nach: Jeder von dieser Regierung verhandelte Vertrag sei dead on arrival, ein Rohrkrepierer. Möglich, dass der Präsident es nun doch vorzieht, das Problem seinem Nachfolger zu vererben, statt - wie ursprünglich vorgehabt - im Sommer zu entscheiden.
Zweifel sind also erlaubt. Dennoch müssen die Europäer Amerika beim Wort nehmen: jetzt, und nicht erst, wenn der Stationierungsbeschluss gefallen ist.
Doch bisher haben sie dazu nur wenig Anstalten gemacht.
Seit bald zwei Jahren werben US-Emissäre bei den Verbündeten für das Schutzschild-Projekt. Die Reaktion, Phase I: höfliche Skepsis nach außen, passiver Widerstand nach innen. "Wir haben weggeschaut und gehofft, dass es verschwindet", sagt ein hoher europäischer Beamter. Dies erwies sich als Irrtum und führte zu Phase II: Resignation. "Die Amerikaner sind nicht zu stoppen. Nun können wir nur zusehen, dass wir unsere Interessen wahren", bemerkt ein deutscher Diplomat. Folgt jetzt also Phase III, in der Europa seine Interessen definiert? Noch hat keine EU-Regierung öffentlich Position bezogen, wenngleich klar ist, dass die meisten das Projekt mit Sorge sehen.
Doch die Briten, zerrissen zwischen der special relationship mit den USA und ihrem militärischen Führungsanspruch in Europa, haben bereits ein Signal gen Übersee gegeben: Sie sind mit einem kleinen Umbau der US-Horchstation im nordenglischen Fylingdales zum NMD-Radar einverstanden. Prompt konnte die Presse "hochrangige Quellen" zitieren, die dafür künftige Gegenleistungen erwarten - etwa Hilfe beim Aufbau eines eigenen regionalen Abwehrsystems (Theater Missile Defence/TMD).
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 19/2000
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren