Die Angst ist immer da
Carola L. leidet unter Agoraphobie. Seit acht Jahren hat sie ihre Wohnung nicht verlassen - nur zu Hause fühlt sie sich wirklich sicher
Diese Geschichte ist wirklich eine Homestory. Also: Hamburg-Eimsbüttel, 86 Quadratmeter, Frau, Mann, Kind, Hund, zwei Katzen, Kaninchen, sechs Fische, schätzungsweise 1000 Kuscheltiere. Zwei Schlafzimmer, ein Kinderzimmer wird von einer Carrera-Autorennbahn, ein Wohnzimmer von Musikstudiomaschinen ausgefüllt. Paul ist 42 und Aufnahmeingenieur, Johannes ist sechs und Vorschüler, Carola ist 43 und Agoraphobikerin.
Das heißt: Sie hat Angst vor viel Platz. Dies bedeutet: Sie kann ihre Wohnung nicht verlassen. Draußen vor der Tür wird sie höchstwahrscheinlich von einer Angstattacke heimgesucht. Das erlebt sie so: Mein Herz klopft laut und rast, ich schwitze. In meinen Beinen ist kein Gefühl mehr. Mir ist schwindelig.
Mein Herz tut mir weh. Es ist wie ein Kreislaufkollaps. Gleichzeitig hat Carola Angst, zu sterben an diesem Kollaps. Auf die Straße zu fallen. Leute stehen herum, starren mich an. Ich kann ihre Angst, dass ich vielleicht sterben werde, fühlen.
Seit acht Jahren hat sie das Haus so gut wie nicht mehr verlassen. Seit 27 Jahren lebt sie in der Angst zu sterben. Oder in der Angst vor dieser Angst.
Wenn sie ihre Angst schildert, fürchtet sie, sie zugleich herbeizureden. Auch in ihrer Wohnung ist sie vor den Attacken keineswegs sicher. Wir sitzen in ihrem Schlafzimmer, gleich neben dem großen Bett, in das sie sich notfalls sofort zurückziehen wird. Allerdings, selbst im am besten geschützten Fleck auf der Welt ist sie schon von Anfällen überrascht worden.
An Agoraphobie leiden in Deutschland geschätzt 500 000 Menschen, meist Frauen. Über die Ursachen gibt es viele Theorien. Über die Behandlungsmethoden auch. Manche Forscher führen sie auf das Geburtserlebnis zurück, in dem der hilflose Mensch aus dem warmen Mutterschoß in die kalte, weite Welt entlassen wird. Andere verweisen auf Erziehungsfehler in der frühen Kindheit, etwa durch eine narzisstische, dominante Mutter, die in der Tochter eine weibliche Konkurrenz heranwachsen sieht und deshalb unbewusst ihr Ich zerstört. Schneewittchensyndrom. Offen ausgelöst wird die Krankheit erst in späteren Jahren, oft in der Pubertät, in einer Stresssituation.
Carola wird am 14. Januar 1957 in Gera geboren. Die Mutter ist Schauspielerin, der Vater Opernsänger. Beide Eltern sind viel unterwegs, meistens getrennt. Carola lebt mit der Mutter an den Orten ihrer Engagements: Berlin, Basel, wieder Berlin, Graz, Dortmund, Hamburg. Die Tourneen des Vates haben andere Stationen.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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