Die Deutschen und ihre Kunst
Wie Kunsthistoriker eine offene Wunde behandeln
Die Frage nach dem Deutschen in der deutschen Kunst war nach 1945 eine unmögliche Frage doch nun hat es mancherlei Anlässe gegeben, sie wieder zu stellen: zum Beispiel die heftig diskutierte Berliner Ausstellung Das XX.
Jahrhundert - Ein Jahrhundert der Kunst in Deutschland (ZEIT Nr. 37/99 und Nr. 44/99). Fast zeitgleich erschienen außerdem zwei Bücher sowie die ersten beiden Bände einer Geschichte der deutschen Kunst. Sind das Anzeichen dafür, dass das vereinigte Deutschland ein normales europäisches Land zu werden beginnt? Können wir wieder von deutscher Kunst sprechen - genau so wie von französischer Gotik und holländischer Malerei?
Dass die Dinge so einfach nicht sind, zeigt bereits der erste Satz des Vorworts von Martin Warnke zu dem von ihm verfassten Band der Geschichte der deutschen Kunst: "Dieses Buch über die deutsche Kunst verwendet nicht einen Satz auf die Frage, was das Wesen der deutschen Kunst ausmache." Deutlicher lässt sich nicht anzeigen, dass es auch heute noch keine Selbstverständlichkeit ist, über deutsche Kunst zu schreiben. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Seit 1937, dem Jahr der Münchner Ausstellung Entartete Kunst, ist die Frage vergiftet. Denn im Namen der deutschen Kunst wurden damals die Werke der ästhetischen Moderne aus den Museen entfernt, verschleudert und vernichtet. "Bis zum Machtantritt des Nationalsozialismus hat es in Deutschland eine sogenannte ,moderne' Kunst gegeben (...). Das nationalsozialistische Deutschland aber will wieder eine ,deutsche Kunst'", heißt es in Hitlers Rede zur Eröffnung der Großen Deutschen Kunstausstellung aus demselben Jahr.
Der Missbrauch, den die Nationalsozialisten mit dem Begriff des Deutschen getrieben haben, macht Warnkes Entscheidung verständlich. Dass sie das Problem nicht löst, zeigt ein anderer Satz aus seinem Vorwort: Immer wieder, so gesteht er, habe er "die vom Großvater vermachten Mappen aus den 30er und 40er Jahren durchgesehen, in denen der unermüdliche Verkünder deutscher Werte Ludwig Roselius den deutschen Bilderschatz für das deutsche Volk aufnehmen" ließ. Die Fremdheit, in der die beiden zitierten Sätze Warnkes zueinander stehen, macht etwas sichtbar, was über den Autor und seine Sätze hinausreicht: die Wunde der deutschen Identität.
Die Angehörigen der Generation, die noch Kindheitserinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus haben, kennen das eigentümlich ambivalente Gefühl, wenn in einer Museumsinstallation wieder einmal das Deutschlandlied ertönt: dieses Ineinander von Anziehung und Abgestoßensein - Anzeichen der historisch bedingten Brüchigkeit unseres nationalen Selbstverständnisses. Wäre es angesichts der Gräuel, die wir Deutschen in diesem Jahrhundert begangen haben, nicht das Beste, die Frage nach der deutschen Identität auf sich beruhen zu lassen - im Sinne von Nietzsches Diktum, "gut deutsch sein heißt sich entdeutschen" - und erst recht darauf zu verzichten, sie auch noch mit der Kunst zu verquicken? Und gibt nicht gerade die moderne Kunst dazu allen Anlass, die eine Weltsprache spricht und nicht nationale Dialekte?
In diesen Fragen drückt sich indirekt die Einstellung aus, die viele Intellektuelle der alten Bundesrepublik gegenüber der deutschen Identität eingenommen haben, wenn sie versuchten, sie hinter sich zu lassen. "Deutsche Kunst", konstatiert Hans Belting, "war nach dem Krieg so belastet, dass man sie am liebsten in der ,Westkunst' untertauchen sah." Und er spricht davon, dass wir in den USA "jahrzehntelang eine Ersatzidentität suchten". Hatte der distanzierte Umgang mit dem Wort "deutsch", der sich in der Bundesrepublik durchgesetzt hatte, nicht seine historische Berechtigung? Und ist diese durch die Vereinigung 1989 einfach hinfällig geworden?
Ich muss gestehen, dass ich es keineswegs selbstverständlich finde, wenn heute zwei namhafte Kunstwissenschaftler die Frage nach dem Zusammenhang von deutscher Kunst und deutscher Identität wieder aufgreifen. Befürchten sie, in der so genannten Berliner Republik könnten die alten Gespenster eines fremdenfeindlichen Nationalismus wiedererwachen, und wollen sie dem vorbeugen? Oder erheben sie eher Einspruch gegen die Weise, wie die in Frankreich so heftig geführte Debatte um die moderne Kunst den deutschen Beitrag dazu in den Blick nimmt? Für Werner Hofmann scheint dies der Anstoß zu seiner Streitschrift gewesen zu sein, in der er sich gleich zu Beginn mit Jean Clair auseinander setzt. In der Tat hat der Direktor des Pariser Picasso-Museums die Kritik der Moderne - so der Untertitel seiner Considérations sur l'état des Beaux Arts (Gallimard 1983) - in seiner zwischen Pamphlet und Essay schwankenden Schrift Die Verantwortung des Künstlers noch verschärft. Ausgehend von einer vereinfachenden Konstruktion der Kunst des 20. Jahrhunderts, die nur zwei große Tendenzen - Expressionismus und Abstraktion - kennt, wirft er beiden ihre angebliche Nähe zum Nationalsozialismus vor. Dabei würde der Expressionismus der "völkischen" Ideologie, der Rationalismus des Bauhauses aber dem modernen Projekt einer planetarischen Herrschaft der Technik entsprechen.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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