Die Tatsachen des Handelns
Wie unterscheidet sich Gesellschaft von Natur? Über die Sozialphilosophie des Privatgelehrten Panajotis Kondylis
Mit größerem Abstand vom 20. Jahrhundert wird man entdecken, dass es in Heidelberg einen als Privatmann lebenden Doktor der Philosophie gegeben hat, der die Tradition Max Webers eigenständiger und produktiver fortgesetzt hat als alle beamteten Politik-, Soziologie- und Philosophieprofessoren zusammen.
Das Urteil gilt trotz der bedeutenden politisch-theoretischen Leistungen eines Karl Jaspers, und es lässt die Erfolge der in allen genannten Fächern tätigen Historiker unberührt.
Die Rede ist von Panajotis Kondylis, der in den siebziger Jahren mit einer großen, ehrgeizigen Studie über die Entstehung der Dialektik (1979) promovierte und dann weder in Heidelberg noch in Athen akademisch weiterkam.
Das war, wie man ruhig sagen darf, auch eine Folge seiner ausgreifenden, mit riesigen Stoffmassen hantierenden und souverän alle Fachgrenzen überschreitenden Intellektualität. Jedes seiner in dichter Folge erscheinenden Werke hätte den Fakultäten als Habilitationsschrift zur Ehre gereicht. Doch da man ihm hier wie dort noch nicht einmal den Status eines Privatdozenten gewährte, hatte er Gelegenheit, den scheinbar längst versunkenen Titel des "Privatgelehrten" zu neuem Ansehen zu bringen.
Alle großen Arbeiten von Panajotis Kondylis, Von der Aufklärung (1981), Über den Konservativismus (1986), Die Theorie des Krieges (1988) und Die neuzeitliche Metaphysikkritik (1990), suchen nach den historischen und anthropologischen Bedingungen des gesellschaftlichen Denkens. Seit der gehaltvollen Skizze in Macht und Entscheidung (1984) konnte man alle Schriften als Vorarbeiten zu einer systematischen Gesamtdarstellung der Sozialphilosophie begreifen.
Tatsächlich hat der Autor in den neunziger Jahren mit dem Werk begonnen, das beschreiben und begründen soll, was eigentlich unter "Gesellschaft" zu verstehen ist: Wie unterscheidet sie sich von den Gegebenheiten der Natur?
Wie kann sie als tragende Bedingung von Person und Institution, von Kultur und Politik begriffen werden? Was ist überhaupt eine soziale Tatsache?
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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