Dilettanten am Werk

Der Ausstieg bei Rover droht für die BMW-Führung vollends zum Desaster zu werden

Als Joachim Milberg an der TU München noch über die Feinheiten industrieller Fertigung dozierte, gab es keinen Zweifel, dass er diese Disziplin beherrscht. Und als er dann als Produktionsvorstand bei BMW eintrat, bewies der Professor das auch in der Praxis. Die flexiblen BMW-Fabriken gelten branchenweit als Vorbild.

Doch seit der Professor im Februar 1999 überraschend zum Vorstandsvorsitzenden des Münchner Autoherstellers aufstieg, mehren sich die Zweifel, ob er der richtige Mann am richtigen Platz ist. Sein Umgang mit dem Problemfall Rover erinnert in jüngster Zeit jedenfalls eher an den Zauberlehrling als an den Meister. Um den chronischen Verlustbringer loszuwerden, rief er in diesem März zum Erstaunen der Branche einige Herren zu Hilfe, die unter dem schönen Namen Alchemy firmieren. Als der Deal mit dem Risikokapitalfonds vergangenen Donnerstag in letzter Minute platzte, griff er flugs auf das Angebot eines Konsortiums mit dem ähnlich fabelhaften Namen Phoenix zurück.

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Das Alchemy-Konzept sah vor, mit einer stark reduzierten Mannschaft im Rover-Stammwerk Longbridge unter dem Label der Sportwagenmarke MG als Nischenanbieter zu überleben. Doch ebenso wenig wie die Branche den Alchemysten zugetraut hatte, aus den wie Blei auf den Werkshöfen stehenden Rover-Autos Gold zu machen, glauben sie daran, dass Phoenix das in Asche liegende Rover-Markenimage wieder zu beleben vermag.

Doch auf Milberg lastet enormer Druck. Am 16. Mai steht bei BMW die Hauptversammlung an, und bis dahin sollte der Alchemy-Deal unter Dach und Fach sein, um allzu viele unangenehme Fragen zu vermeiden. Bis in den Februar dieses Jahres hinein hatten Milberg und seine Mitstreiter nämlich noch behauptet, dass sich der von ihnen eingeschlagene harte Rover-Sanierungskurs letztlich auszahlen werde. Dies war so oft öffentlich wiederholt worden, dass nicht nur die Rover-Beschäftigten und die britische Regierung aus allen Wolken fielen, als die BMW-Bosse überraschend einen Salto rückwärts vollführten (ZEIT Nr. 13/2000).

Da hieß es dann plötzlich, Rover sei für BMW zur nicht mehr tragfähigen Belastung geworden. Die immer als besonders zukunftsträchtig gehandelte Geländewagenmarke Land Rover sollte nun für sechs Milliarden Mark an Ford gehen, die Rover-Limousinen an den in der Branche unbekannten Risikofonds Alchemy. BMW wollte nur den New Mini und das renovierte Rover-75-Werk in Oxford behalten. Dass gleichzeitig auch noch drei BMW-Vorstände gehen mussten, die gerade mal ein Jahr im Amt waren, trug auch nicht zum Renommee der Münchner Führung bei.

Zwar hatte Milberg nichts mit dem Kauf von Rover im Jahr 1994 und den frühen Versäumnissen zu tun - das kostete seinen Vorgänger Bernd Pischetsrieder den Job. Doch als der stets freundlich lächelnde Professor damals dem erklärten Kronprinzen Wolfgang Reitzle vorgezogen wurde (der damals nur den Land Rover und den Mini behalten wollte), zog er aus der Bestandsaufnahme offenbar die falschen Schlüsse. Hätte er den Rückzug schon kurz nach seinem Amtsantritt eingeleitet, wäre ihm zwar der Aufschrei in Britannien ebenso sicher gewesen wie jetzt, und für die betroffenen Beschäftigten in den britischen Midlands wäre das nicht weniger schmerzlich gewesen. Aber BMW hätte etliche der mindestens neun Milliarden Mark an Rover-Verlusten gespart.

Die zweite Chance verpasste Milberg im Sommer vergangenen Jahres, als intern erneut das Ausstiegsszenario diskutiert wurde. Doch mit Rückendeckung seines Aufsichtsratschefs Volker Doppelfeld und der Hauptaktionäre der Industriellenfamilie Quandt setzte der neue Vorstand stattdessen auf eine verstärkte Integration der Briten. Management und Vertrieb der Marken wurden zusammengelegt, BMW-Händler massiv gedrängt, Rover-Vertretungen zu übernehmen und in neue Glaspaläste zu investieren - Umstände, die den Ausstieg jetzt zusätzlich erschweren, reichlich Ärger einbringen und viel Geld kosten.

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