Ende der Dödeltage

McCabe verwandelt Irrwitz in Literatur

Patrick Braden schreibt schön formulierte Schulaufsätze, deren Themen nicht gut ankommen bei Glupschauge Egan, dem Englischlehrer: ",Vater Stengel steckt ihn rein' und ,Vater Bernard vögelt wieder!'" Der eigentliche Skandal ist, dass das wahrhaft autobiografische Aufsätze sind. Patrick wurde gezeugt, als der 40-jährige Gemeindepfarrer einer 16jährigen Haushaltshilfe seinen Knüttel in den Unterleib rammte. Für die junge Mutter ist die Angelegenheit mit der Niederkunft zu Ende, sie wird nach London verfrachtet - ohne das Baby, das "in einem Scheißpappkarton vor jemandes Tür ausgesetzt" wird. Bei der alkoholsüchtigen Ziehmutter kommt Patrick zum Familiennamen Braden, wenn auch nicht zu einer Familie.

Wie er zu noch ganz anderen Namen kommt, das erzählt er selbst in Patrick McCabes fulminantem Roman Breakfast on Pluto. Als der Junge Kleider anzieht, wird aus ihm Pussy Braden. Als er das "letzte Schuljahr in der Sankt-Fickfack-Schule für Taugenichtse" hinter sich hat und sich mit dem unvergleichlichen Mr. Schnullermann ("Mein Liebster, Typ verheirateter Politiker!") verbandelt, wird aus Patrick Miez-Miez-Muschi, "eine Hostess mit Niveau". Als er seine Londoner Transvestitenkarriere mit dem Dauerarbeitsplatz "auf dem Fleischmarkt, Piccadilly Circus" lange hinter sich und den "Dödeltagen" ein Ende gesetzt hat, mutiert er schließlich zu Mütterchen Riley in Kopftuch und Kittel.

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Irgendwann wird er dann Patient des Psychiaters Dr. Terence, von dem der entscheidende Impuls kommt, ohne den wir das alles nicht lesen könnten: "Schreiben Sie alles auf, hat Terence gesagt."

Patrick McCabe ist mit dem Schlächterburschen vor ein paar Jahren ein grandioses Buch gelungen, und in gewisser Weise liegt Breakfast on Pluto die nämliche Konstruktion zugrunde: eine früh ins soziale Abseits und in psychische Abgründe geratene Waise aus einem Kaff in der verlassensten Gegend Irlands erzählt aus dem Abstand einiger Jahrzehnte ihr Leben und erzählt es in einer so schroffen und unmittelbaren Sprache, dass uns eine distanzierte Lesehaltung praktisch unmöglich wird. "Plötzlich machte der surrende Bus wumm! und wusch!, und ab ging die Post!" Was da abgeht, ist über weite Strecken ein "irrer, halluzinatorischer Rachefeldzug" aus Sprache, ist der Versuch, mit Worten das nach- und einzuholen, was dem Leben verwehrt bleiben muss. "Aber Hoffen schadet nicht, was?" Wenn Pussy Braden sich mit Chanel No.

19 besprenkelt, dient das nicht nur dem Kundenfang, sondern auch dem Abtauchen in eine Welt der Fantasie

wenn in die Ich-Erzählperspektive Passagen eingeblendet werden, in denen Pussy zum Er oder zur Sie wird, drückt sich darin auch die gegenseitige Überlagerung unterschiedlicher Realitätsebenen aus

wenn Pussy beschreibt, wie er in die Kirche stürmt ("Ratet mal, wer da wie gewöhnlich am Kreuz hing!") und den verhassten Vater zur Rede stellt, dann ist sofort klar: das ist bloß ein Wunschbild.

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