Frisch vergänglich
Rainald Goetz - am Anfang oder Ende?
Es ist vollbracht: Rainald Goetz hat mit diesem Erzählung genannten Prosastück ein fünfteiliges Werk, eine Pentalogie, vollendet - so jedenfalls will er die Serie seiner Publikationen von Rave (1998) bis zu der Wut- und Schrottsammlung Abfall für alle (1999) verstanden wissen. Dazu soll also noch gehören das Stück Jeff Koons wie die Text-Bild-Collage Celebration, und als Mittelstück oder Scharnier wird nun in den Vierflügelaltar diese Dekonspiratione eingehängt. Um uns zu überreden, zu überzeugen, hat Goetz auch seine Werkfolge vom Debütroma Irre (1983) bis zu Kronos (1993) wie eine Sinfonie mit sieben Sätzen angeordnet, um wieder eine Mittelachse. Wir haben das alles eher als eine Reihe von Textexplosionen gelesen und verstanden, die auf so säuberlich logischen Zusammenhang pfeifen.
Eine Frage der Hängung, würde ein Galerist oder ein Ausstellungsmacher sagen, denn die sind spezialisiert auf solche Reflexionsfallen für Interpreten. Doch das neue 200-Seiten-Fundstück ist auch an sich und für sich interessant, ergiebig genug, außerhalb aller Zwangsanordnungen. Auch weil der neue Text wieder wie schon der Schluss des allerersten Goetz-Romans die Frage aufwirft, ob und wann und wie dieser Autor wirklich anfangen wird zu erzählen. Statt uns nur Erzählmaterial zuzuschaufeln, immer neu einsetzend, abbrechend, die Splitter aufblitzen und zerscherben zu lassen. "Konspiration", so erfahren wir gegen Ende, heißt ursprünglich "zusammen atmen, unter einer Decke stecken". Das tun auch Erzähler und Leser. Will, soll die "Dekonspiration" ihnen immer wieder die Decke wegreißen?
Fünf Tage, fünf Konstellationen aus dem Jahr 1999 greift der Text in seinen fünf Teilen auf, zusammengebunden durch eine Figurengruppe mit den gemeinsamen Kennzeichen: jung, alert und wendig, also "gut drauf" bis "kaputt". Allesamt sind sie betriebsam aktiv im Medienbereich, in Bild-, Musik-, Text- und Theorieproduktion, die Frauen, hier gern "Mädels" genannt, allerdings mehr groupiemäßig, wenn auch intelligent, mindestens selbstbewusst schlagfertig. Fünf Tage, von April bis August, in München, Berlin und Wien, chronologisch aufgereiht - so weit herrscht Übersicht und Ordnung. Doch die Einzelteile sind wieder kleinteilig collagiert, mit raschen, jähen Schnitten, also Short Cuts, mit vorwiegend kurz zupackenden Sätzen, gemischt aus nackter Wahrnehmung, Zitaten und knapp mokantem Kommentar. Hier und da ein Rhythmuswechsel, ein Abdriften in mäandernde Landschafts- und Stimmungsmalerei.
Nur umrisshaft, im Ansatz lässt sich eine Geschichte erkennen, von Handlung oder Plot ganz zu schweigen. Eine Liebesgeschichte soll es sogar sein, wenn auch eine wehe, die Skizzen einer Trennung zwischen einem Medienintellektuellen und einer Germanistin, die erst scharf zankend auseinander geraten, um sich dann sanft, fast unmerklich wieder einander anzunähern. Wie überhaupt der Umgang der beiden Geschlechter hier unzeitgemäß zart und rücksichtsvoll ist, Inseln bildet, "hochromantisch", im salopp frischen, schnellen Tempo des Textes.
Gekämpft wird eher, wenn auch mit verdecktem Visier, im Job, den die Männer rudelhaft in einem Loft-Büro in Berlin-Mitte betreiben. Das Schreiben und die Schreiber, die Nabelschau der Berufskommunikatoren motivierten Text und Autor ungleich heftiger als die gesoftete Liebesunglücksballade. Und der eigentliche Initiationstext des Buches, "einer jungen Frau" gewidmet, die Geschichte einer Paranoia und eines Suizides - der Versuch offenbar eines Requiems des R. G. für seine Schwester -, wird auf den ersten Seiten nach starkem Einsatz sofort abgebrochen. Zu nah das alles, zu dunkel? Zu viel Dichtung und "Lenz"?
Denn fortan geht es den Goetzschen Figuren eher darum, mit ihrer Innenwelt die Außenwelt ja nicht zu überschwemmen, sondern sich ganz im Gegenteil möglichst unkenntlich, locker und allverbindlich durch eine Welt zu bewegen, die ganz und gar Bühne und "Szene" ist, bereit für rasche Auf- und Abtritte.
Und doch ist man im Loft-Büro auch kreativ beschäftigt, soll zwei Kultunternehmen des aufgeklärten Zynismus, der Harald Schmidt Show und Dietl-Filmprojekten, die beide in einer Krise und Sackgasse stecken, mit destruktiver Analyse und innovativen Konzepten wieder aufs Gleis helfen.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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