Gott in Fis-Dur
Aimard spielt Messiaen
Eines Tages saß der junge Pianist andächtig in jener Pariser Kirche, die nach der Heiligen Dreifaltigkeit benannt ist. Dort saß wie jeden Sonntag ein alter Mann an der Orgel und folgte den Eingebungen des Augenblicks. Plötzlich blieb die Zeit stehen. Musik, im Moment der Improvisation doch lebendig wie nie, fiel wie in einen Schlaf, sie erstarrte. Ja, sie wurde selber schier zur Säule, zur Wand. Und zum Fenster, durch welches der Blick fiel - auf die unergründlichen Dinge des Glaubens, in den Abgrund des Lichts.
Als der junge Pianist Pierre-Laurent Aimard dem großen Olivier Messiaen später von diesen geheimnisvollen Erlebnissen erzählte, lächelte der alte Mann weise. Im Jahr 1944, als die Welt für süße Anwandlungen wenig Neigung besaß, komponierte Messiaen sein Klavierwerk 20 Blicke auf das Jesuskind. Die Kitschpolizei musste später nicht einschreiten. Der gewaltige Zyklus ist kein Krippen-Mehrteiler mit Stallgeruch, sondern eine Collage über die Mysterien der Gotteskunde
keine Legendensammlung, sondern unerhörter Versuch über das Abstrakte. Heiliger Geist, Schweigen, Kreuz, Engel, Jungfrau, Vögel, Zeit, Menschensohn, Kirche der Liebe - alles verwächst zu einem Katechismus, der von Zeichen und Wundern visionär erzählt. Religiöse Chiffren wandeln sich zu klingenden, flammenden Etüden, hinter denen das Jesuskind auch mal unmerklich verschwinden darf. Am Anfang steht jedenfalls der Vater, das "Thema Gottes", welches Messiaen in gütigen, getragenen Fis-Dur-Akkorden wie einen Begrüßungsteppich ausrollt für seinen Weg, das fünfte Evangelium zu komponieren. Messiaen, der fromme Mann, war immer heilfroh gewesen, dass das biblische Bilderverbot nicht für die Musik galt.
Aus dem staunenden Zögling Pierre-Laurent Aimard von damals ist längst ein Eingeweihter geworden. Er studierte bei Messiaens Ehefrau Yvonne Loriod und saß 18 Jahre lang in Pierre Boulez' Ensemble Inter Contemporain am Flügel.
Für Messiaens Blicke hat er sich jene Einblicke verschafft, die ihn vor der Sinnlichkeitsfalle bewahren. Aimard wagt Härte und eiserne Rhythmik, pumpt kaum Pedal in die Noten, flötet Vogelrufe so spritzig und so lebensnah, als sei der Flügel in Wirklichkeit eine Voliere. Aber wenn er Oktaven in die Klaviatur nagelt, denkt man, sie sei das Kreuz von Golgatha. Diese Musik hat Aimard perfekt und mit kühler Vehemenz (Teldec/Warner 3984-26868) eingespielt. Selbst den 13. Blick, das Weihnachtslied, trägt er nicht wie Zuckerwatte vor sich her. Er musiziert es wundervoll sprechend, ganz schlicht - wie einen keuschen Gesang auf jenen Moment, da ein alter Mann vom Himmel stieg und die Zeit anhielt.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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