Gut gerüstet
Seine ganz persönlichen Lehren zieht Siemens-Chef Heinrich v. Pierer aus den jüngsten Diskussionen um das Verhalten von Spitzenmanagern und die Reaktionen an der Börse. Zwar kann auch der Vorstandsvorsitzende des Münchner Elektroriesen nicht alle Ausschläge im Aktienkurs nachvollziehen, aber man müsse wohl neue Maßstäbe an die Berufung von Vorständen legen: Nicht nur das Wirken nach innen, sondern auch die Aussenwirkung des Kandidaten müsse bewertet werden.
Im Umgang mit Journalisten sieht sich Pierer freilich gut gewappnet.
Schließlich hat er sich einst sein Studium als freier Mitarbeiter der Erlanger Nachrichten verdient. Und mit den frechen jungen Analysten hat er mittlerweile auch seinen Frieden gemacht: "Ich kann jetzt ganz gut mit denen." Kein Wunder, schließlich gilt bei denen der einstige "Schlafende Riese" Siemens mittlerweile als "Technologiekonzern" und der "Zauderer" Pierer mutierte auf wundersame Weise zum "Macher", ohne gleich im Porsche an der Wall Street vorzufahren.
Trotz aller Erfolge hat Pierer bislang die Bodenhaftung nicht verloren.
Obwohl der Konzern in der ersten Hälfte des Geschäftsjahrs 1999/2000 einen Gewinnsprung von 98 Prozent erzielte, warnte der Siemens-Chef im südfranzösischen Toulouse vor allzu viel Euphorie für das restliche Jahr.
Dabei läuft es derzeit besser denn je: Alle grossen Sparten schreiben schwarze Zahlen, und die Börsengänge der Töchter Epcos und Infineon spülten fast fünf Milliarden Mark (netto) in die Konzernkasse. Die werden allerdings nicht gehortet, sondern sollen in Aktienrückkäufe und Akquisitionen wie atecs, die Techniksparte von Mannesmann, gesteckt werden.
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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