Hält Klonen jung?
Bisher glaubte man, geklonte Tiere sterben früher. Nun zeigen Experimente, dass in ihnen das Potenzial für ein besonders langes Leben steckt. Eine US-Firma träumt schon von verjüngender Zelltherapie am Menschen
Jose Cibelli ist noch immer ganz hingerissen von den sechs geklonten Kälbchen mit dem weißen Fleck auf der Stirn. "Wir werden sie behandeln wie Königinnen", verspricht der Forscher der amerikanischen Biotech-Firma Advanced Cell Technology (ACT). Den Sonderstatus haben sich die Friesischen durch ihre besondere genetische Ausstattung verdient. Denn sie wurden nicht nur vervielfacht, sondern leben womöglich auch noch 50 Prozent länger als ihre normalsterblichen Schwestern: Anstelle von 25 Jahren stünden dem munteren Haufen dann satte 37 Weidejahre bevor.
Die Produktion der Klon-Herde begann wie üblich. Ein Team um die Molekularbiologen Robert Lanza und Jose Cibelli hatte Zellen aus einem Kuhfötus gewonnen und die Zellkerne in leere Spender-Eizellen gepflanzt, 32 davon reiften in den Gebärmüttern von Leihkühen zu sechs Kälbern heran - das älteste ist inzwischen ein Jahr alt. Eine Routineprozedur, wären da nicht die Mutmaßungen über die Langlebigkeit. Bisher galt: Geklontes stirbt allenfalls früher, nicht später.
Was die Forscher vergangene Woche in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten, verstieß eindeutig gegen die Norm. Denn gleichsam als Mitgift tragen Klone, gewonnen aus erwachsenen Tieren, immer auch das Alter des Spenders in sich. So stammte Klonschaf Dolly aus den Euterzellen einer sechs Jahre alten Mutter. Gradmesser für die Jugendlichkeit waren die so genannten Telomere, molekulare Kappen, die auf den Enden der Chromosomen sitzen und sie vor zerstörerischen Angriffen schützen. Bei jeder Zellteilung aber werden die Schutzkappen kürzer, bis sie schließlich so kurz sind, dass die Zellen altern und absterben. Dollys Telomere waren 19 Einheiten lang, 24 wären normal gewesen.
Eine unschöne Nebenwirkung, die die ACT-Forscher nicht ruhen ließ. Also entnahmen die Wissenschaftler aus Worchester, US-Bundesstaat Massachusetts, einem 45 Tage alten Kuhfötus Zellen und ließen diese sich in der Petri-Schale so häufig teilen, bis sie kurz vor dem Exodus standen. Anschließend schufen die Forscher nach bewährter Methode aus dem vorgealterten Material sechs Klone.
Zur Überraschung von Cibelli und Lanza waren die Telomere der sieben bis zwölf Monate alten Kälber nicht verkürzt, sondern im Gegenteil sogar länger als bei Kontrolltieren. Im Schnitt maßen sie 63 statt 51 Einheiten - bei manchen übertraf die Länge sogar die von ungeklonten Neugeborenen. Die Testzellen verhielten sich auch in anderen Prüfungen jugendlich frisch. Sie teilten sich bis zu 50 Prozent häufiger. "Die Daten", schrieben die Wissenschaftler, "lassen den Schluss zu, dass durch Klonen die Lebensspanne von Körperzellen wieder voll hergestellt - sogar verlängert - werden kann."
Jose Cibelli gibt sich scheinbar bescheiden: "Ich will nicht verheimlichen, dass auch andere Teams inzwischen zu ähnlichen Ergebnissen gekommen sind."
Was aber den rätselhaften Telomer-Schub bewirkte, kann Cibelli nicht erklären. Vielleicht gab der Einsatz von Fötalzellen den Ausschlag?
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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