Hass, worauf eigentlich?

Maxim Biller: "Feige das Land, schlapp die Literatur", ZEIT Nr. 16

Ihr gut gemeinter Aufriss der ins Amoralische gesunkenen deutschen Kalliope, Ihr ehrenwerter Versuch, die Dame, nuttig, wie sie heute ist, wieder moralisch aufzumotzen und literarisch begehrenswert einzukleiden, ist beeindruckend, birgt aber ein entscheidendes Manko und einen schwierigen Spagat. Das eine ist Ihr metaphorischer Ruf nach dem starken Schwanz des Literaten, auf den ich gleich zurückkomme. Das andere ist Ihre mir suspekte Geburt der Moral aus dem Hass, die sich zumindest mit Aristoteles so nicht fabrizieren lässt, der für gewöhnlich die goldene Mitte und emotionale Mäßigung für weitaus moraltauglicher gesehen hat, als Sie denken wollen.

Aber Hass worauf eigentlich? Auf Besitzstandsdenken, Schlappschwanzigkeit, Amoralität und, mit Blick auf Brecht und Müller, auch Bolschewisten und systemopportune Literaten, schreiben Sie. Was aber, wenn Müller und Brechts Bolschewismus deren moralische Utopie war? Und was, wenn gerade der starke Penis zu nichts anderem neigt als der Produktion privater Besitzstände?

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Gerade die bildungsbürgerliche Stammtischrunde strotzt von starker Moral, da spielen Gut und Böse so gut ineinander wie Kinder und Inder oder Heidi-Haido-Haider, und da sind Feindbilder allemal sonnenklar. Ich schlage zur Abwechslung das Überdenken eines neuen Freundbilds vor oder gar einer Freundin?

Hier bin ich beim nächsten Punkt. Mein Aristoteles ergänzt Ihrem: "(E)s ist aber bei weitem das Wichtigste, dass man Metaphern zu finden weiß." Und weiter: "Denn gute Metaphern zu bilden bedeutet, dass man Ähnlichkeiten zu erkennen vermag." Da Ihr idealer Literat vor allem kein Schlappschwanz sein darf, gerät Ihnen diese Ähnlichkeit mehr als fehl, zumal Ihre Polemik gegen den bundesdeutschen Hedonismus so nur dessen zentrales Programm bestätigt: immer wollen, immer können, immer sollen. Literatur kommt jedoch keineswegs aus dem Hodensack, und falls doch, fickt sie sich selbst. Wenn eine Utopie scheitern sollte, dann meinetwegen erst einmal die der literarischen Omnipotenz, die mit undifferenziertem Blick die Welt binär in Gut und Böse teilt und denkt, sie so zu bessern. Sie haben Recht, es geht um Politik, den "ewige(n) Roman vom Kampf der Menschen gegen das Unglück, das sie selbst verschulden". Davor darf man auch nicht weglaufen und dazu schon gar nicht mit dem Schwanz wedeln.

Jörg Richter Dresden

Bei so viel Mut zu ehrlichem, weil radikal hasserfülltem Heldentum kann ich mich als schwanzlose Frau ja erleichtert zurücklehnen und weiter als Mutter, Hausfrau und Psychoanalytikerin dem feigen mühseligen durchschnittlichen zwischenmenschlichen Alltag frönen. Denn meine weibliche Schlappheit steht bei so viel phallischem Narzissmus ja Gott sei Dank nicht auf der Abschussliste.

Dr. Christina Schwilk Ulm

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