Hast du mir was mitgebracht?
Heute: Christof Siemes, zurück aus Füssen
Früher, im Mittelalter, wie wir und der bayerische Ludwig Zwo es gerne gehabt hätten, mussten edle Ritter immer allerlei heikle Aufgaben erfüllen, um die Zuneigung ihrer Liebsten zu verdienen: Bösewichte umhauen, Drachen töten, Gral finden. Heute kommen diese Zumutungen viel unspektakulärer daher - und fordern doch den härtesten Mann und eine geradezu König-Artus-mäßige Pfiffigkeit. Zum Beispiel die hier: Bring mir doch was Originelles aus Füssen mit!
Wie man weiß, liegt Füssen im Königswinkel und voll im Bannkreis des Kini, der keine vier Kilometer entfernt seine Baiserburg Neuschwanstein zu errichten beliebte. Die ausschweifende königliche Fantasie ist hier noch heute der wichtigste Standortfaktor, und auch die Mitbringselindustrie lässt jedes Jahr ein paar Dankesmessen lesen für Seiner Majestät Einfallsreichtum.
Vasen hat er mögen, der Kini, auch prunkvolles Geschirr, je goldener, desto besser. Oder üppige Blumenbouquets aus Meissener Porzellan und tausend andere kostspielige Nichtsnutzereien. Geschwind auf klein und billig kopiert, befriedigen seine Ideen seit Jahrzehnten das Souvenirjägerherz mit Kitschigem, Romantischem, Unbrauchbarem nur originell ist da nichts mehr.
Wie also ritterlich der Holden Herz gewinnen?
Man kreuze die Klingen mit den unverschämt unverzagten Heerscharen, die das neue Musical Ludwig II. - Sehnsucht nach dem Paradies am Laufen halten. Unter ihrem Anführer Stefan Barbarino bescheren sie dem Königswinkel nicht nur täglich außer montags ein neues Spektakel, sondern offerieren angeblich exklusive, originelle, nie da gewesene Ludwig-Andenken.
Aber dann ist die Walstatt, der Shop im Foyer des postmodernen Riesentheaters, eine ziemliche Enttäuschung. Wirklich neu ist allein das Signet, ein mit reichlich Art déco stromlinienförmig genmanipulierter Schwan (die hat der Kini auch mögen). Der ziert nicht nur das ganze Haus, sondern auch die Erinnerungsstücke: Kladden, Krawatten, Sweatshirts, Mützen, den ganzen üblichen Kram. Auch über Vasen, Porzellan und Humpen gleitet er lautlos dahin - wie weggeblasen ist hier die Ironie, die doch so wohltuend durch das Musical selbst geistert. Aber wo ein Subunternehmer Kasse machen will, ist Schluss mit lustig.
Beinahe wäre also die minne der besten aller frouwen so ausgetrocknet wie der Forggensee vor dem Theater, der nur von Juni bis Oktober Wasser führt. Aus purer Not eroberte ich für 2,90 Mark schließlich eine zumindest possierliche Trophäe: eine Tüte voller Fruchtgummischwäne. Ob das für den Gunstgewinn reicht? Die Tüte ist leer, ich harre einer Geste. O verfluchtes postpostmodernes Mittelalter!
- Datum 04.05.2000 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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