"Ich habe gern den Kopf oben"

Jetzt beginnt der Kampf um die Mitte: Die CDU-Vorsitzende Angela Merkel im Gespräch mit ZEIT-Chefredakteur Roger de Weck

die zeit: Lesen Sie Bücher?

Angela Merkel: Zu Ostern Mein Leben von Marcel Reich-Ranicki.

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zeit: Ihr Eindruck bei der Lektüre?

Merkel: Wir alle haben uns oft mit dem Nationalsozialismus auseinander gesetzt, auch ich besonders in der DDR. Zwar wissen wir - rational - sehr viel. Aber mich überkam wieder die Betroffenheit darüber, was wir Deutschen angerichtet haben. Bei der Schilderung des Warschauer Ghettos dachte ich: Wo sind heute all die Täter und Mittäter, die es nicht gewesen sein wollen?

zeit: Einige leben noch unter uns.

Merkel: Die Bundesrepublik führte nach 68 eine Debatte darüber, an der ich nicht aktiv teilnahm. Etwas anderes hat mich in der DDR beschäftigt: Erlauben mir schlechte Umstände, schlecht zu handeln? Die Antwort lautet, nein. Es gibt Tugenden, die darf man nie aufgeben: Stark waren für mich jene Polen, einfache Leute, die Reich-Ranicki aufnahmen und retteten.

zeit: Die SPD und nun auch die CDU haben Vorsitzende, die den Krieg nicht erlebten. Mehr als ein halbes Jahrhundert ist verstrichen. Und viele Deutsche denken, es sei an der Zeit, unbefangener mit der Vergangenheit umzugehen.

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