... Ich bedarf es sehr, von Dir getröstet zu werden

Seit zwei Jahren war die Generalstochter mit ihm verlobt, als sie ihm einen langen, traurigen Brief schrieb, der so begann: Mein Lieber ...! Wo Dein jetziger Aufenthalt ist, weiß ich zwar nicht bestimmt, auch ist es sehr ungewiß, ob das, was ich jetzt schreibe, Dich dort noch treffen wird, wo ich hörte, daß Du Dich aufhältst doch ich kann unmöglich länger schweigen. Mag ich auch einmal vergebens schreiben, so ist es doch nicht meine Schuld, wenn Du von mir keine Nachricht erhältst. Über zwei Monate war Deine Familie in Gulben, und ich konnte auch nicht einmal durch sie erfahren, ob Du noch unter den Sterblichen wandelst, oder vielleicht auch schon die engen Kleider dieser Welt mit besseren vertauscht hast.

Endlich sind wir wieder hier, und da ich schmerzlich erfahren habe, wie wehe es thut, gar nichts zu wissen von dem, was uns über alles am Herzen liegt, so will ich auch nicht länger säumen, Dir zu sagen wie mir es geht. Viel Gutes wirst Du nicht erfahren.

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Ulrike wird Dir geschrieben haben, daß ich das Unglück hatte, ganz plötzlich meinen liebsten Bruder zu verlieren wie schmerzlich das für mich war, brauche ich Dir wohl nicht zu sagen. Du weißt, daß wir von der frühesten Jugend an immer recht gute Freunde waren und uns recht herzlich liebten. Vor kurzem waren wir auf der silbernen Hochzeit unserer Eltern so froh zusammen, er hatte uns ganz gesund verlassen und auf einmal erhalten wir die Nachricht von seinem Tode. -

Die erste Zeit war ich ganz wie erstarrt, ich sprach und weinte nicht ... und ich wurde sehr krank. Eine Nacht da Louise nach dem Arzte schickte, weil ich einen sehr starken Krampf in der Brust hatte und jeden Augenblick glaubte zu ersticken, war der Gedanke an den Tod mir gar nicht schrecklich.

Doch der Zuruf aus meinem Herzen: >es werden geliebte Menschen um Dich trauern, Einen kannst Du noch glücklich machen!< der belebte mich aufs neue, und ich freute mich, daß die Medizin mich wieder herstellte.

Damals, Lieber, hätte ein Brief von Dir meinen Zustand sehr erleichtern können, doch Dein Schweigen vermehrte meinen Schmerz. Meine Eltern, die ich gewohnt war immer froh zu sehen, nun mit einmal so ganz niedergeschlagen und besonders meine Mutter immer in Thränen zu sehen - das war zu viel für mich.

Dabei hatte ich noch einen großen Kampf zu überstehen. In Lindow war die Domina gestorben. Und da man auf die Älteste viel zu sagen hatte, und ich die Zweite war, konnte ich erwarten, daß ich Domina werden würde. Ich wurde auch wirklich angefragt, ob ich es sein wollte Mutter redete mir zu, da dieser Posten für mich sehr vorteilhaft sein würde, und ich doch meine Zukunft nicht bestimmen könnte. Doch der Gedanke in Lindow leben zu müssen ... und die Erinnerung an das Versprechen, was ich Dir gab, nicht da zu wohnen, bestimmten mich, das Fräulein von Randow zur Domina zu wählen, welche nun bald ihren Posten antreten wird.

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    • Quelle DIE ZEIT, 19/2000
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