Udo Röbel, 50, hat die Schule abgebrochen und es trotzdem bis an die Spitze geschafft. Als Chefredakteur von "Bild" ist er für 900 Mitarbeiter und 12 Millionen Leser verantwortlich. Schon als Schüler war es ihm wichtiger, für die Zeitung zu schreiben, als Griechisch und Mathe zu lernen

Ich habe die Schule gehasst. Mit 15, 16 Jahren wollte ich nur noch eins: raus. Diesen Wunsch muss man in die Zeit einordnen. 64, 65 - das waren die Beatles, die Stones, das war eine rebellische Jugend. Ausläufer dieser Stimmung haben uns auch in der Provinz erreicht. Ich war in Neustadt in der Pfalz auf einem humanistischen Gymnasium. Viele unserer Lehrer waren im Krieg gewesen. Sie kamen zurück mit einem zerbrochenen Wertesystem, waren voll und ganz mit ihrem eigenen Schicksal beschäftigt. Alte, verbohrte Knochen. Auf die Jugend wollten sich die wenigsten einlassen. Ich erinnere mich an eine Szene, die diese Zeit ganz gut beschreibt. Die Oberprima sang im Treppenhaus der Schule einen Werbespot für Angora-Unterwäsche: "Wenn's stürmt oder schneit, wir sind stets gefeit, denn wir tragen heute Medima." Das galt als "Aufruhr". Drei Tage lang wurde untersucht, wer ihn angezettelt hatte. Schule war ein unerträgliches Joch, ein Korsett.

Gut war ich in Deutsch. Mit 16 habe ich den Wettbewerb "Literatur für Anfänger" des Hessischen Rundfunks gewonnen. 70 Zeilen zum Thema Schulausflug. Ich habe versucht, die Montagetechnik von Raymond Queneau anzuwenden. Seine Stilübungen waren mein Lieblingsbuch. Zu dieser Zeit habe ich auch begonnen, mich für den Journalismus zu interessieren. Eigentlich wollte ich ja Kriminalkommissar werden. Aber ich scheute die mühselige Ausbildung. Und Verbrechen und Mord konnte ich auch im Journalismus haben, dachte ich mir.

Für 12 Pfennig die Zeile schrieb ich für die Hasslocher Lokalseite der Rheinpfalz . Hassloch hatte 54 Vereine, jede Woche gab es eine Vereinsversammlung. Dort schlug ich mir meine Abende und Nächte um die Ohren. Da war keine Zeit für Schule. Die zwölfte Klasse musste ich wiederholen. Wegen Griechisch und Mathematik. Und als ich mal wieder eine Sechs in Mathe mit einem hämischen Kommentar des Lehrers zurückbekam, bin ich aufgestanden und habe gesagt: Das war's! Am nächsten Tag habe ich bei der Rheinpfalz als Volontär angefangen. Das wäre heute undenkbar. Eine gute Ausbildung ist ein Muss für die jungen Leute. Trotzdem. Wenn ich einen Bewerber für ein Volontariat vor mir sitzen habe, zählt für mich neben der Ausbildung vor allem, ob er Leidenschaft für die gute Story hat. Ich will wissen: Geht der über 100 Prozent?

Außerdem schaue ich auf die Allgemeinbildung. Ich frage mich schon, was da in der Schule schief läuft, wenn einer Churchill für einen amerikanischen Präsidenten hält. Trotz Abi, trotz Studium. Was die Allgemeinbildung angeht, habe ich in meiner Schule schon einiges mitgekriegt. Und wenn sich nur einer der Lehrer ernsthaft mit mir als Mensch auseinander gesetzt hätte, dann hätte er mir vielleicht auch die Faulheit austreiben können. Für Kinder, die - wie ich damals - von zu Hause nicht gefördert werden können, finde ich, müssen Lehrer in gewissem Maß eine Elternfunktion übernehmen.

Aber ich habe dem Abitur und einem Studium nie nachgetrauert. Höchstens dem Studentenleben. Mit 32 - ich war Chef von Bild Köln - bin ich für ein Jahr ausgestiegen. Bin von Alaska nach Mittelamerika getrampt. Das war klar Nachholbedarf.

Im Nachhinein betrachtet, habe ich instinktiv die richtigen Entscheidungen getroffen. Vor einem Jahr war ich seit langer Zeit mal wieder auf einem Klassentreffen. Ich bin nicht übermäßig eitel. Aber ich gebe zu, es war schon ein gutes Gefühl zu sehen, dass ich es als Schulabbrecher eigentlich von allen am weitesten gebracht habe. Eine Mitschülerin, die Conny, wollte sogar ein Autogramm für ihre Tochter. Ich war immer auf mich allein gestellt. Das war eine harte Schule, aber eigentlich die beste.