Wenn Philipp Bormann in Litauen oder Venezuela ist, sitzt an seiner Stelle ein anderer im Seminarraum oder an seinem Schreibtisch im Studentenwohnheim. Und wenn der 24-Jährige ins sächsische Görlitz zurückkehrt, macht sich sein Counterpart auf den Weg ins Ausland. Philipp Bormann ist einer der Studenten des international ausgerichteten Studiengangs Kultur und Management, der 1997 an der Fachhochschule Görlitz gegründet wurde. Dessen Initiatoren wollten vieles anders machen als im deutschen Hochschulwesen üblich: Die Studenten sollten schneller studieren, dennoch viel lernen sowie viel Zeit im Ausland verbringen. Und die Räume und Computer der Hochschule sollten ganzjährig genutzt werden, nicht nur während der sonst gängigen sieben Semestermonate.

Um das zu erreichen, teilte man das Studienjahr in Görlitz nicht in zwei Semester, sondern in drei Trimester und verkürzte die Ferien. Das erste Trimester dauert vom 1. September bis Weihnachten, das zweite von Neujahr bis zum 31. März, das dritte vom 1. April bis zum 31. Juni; im Juli finden Prüfungen statt. Regelstudienzeit sind zwölf Trimester, also vier Jahre. Weil sich ständig ein großer Teil der Studenten im Praktikum oder im Ausland aufhält, wurde ein Reißverschlusssystem eingeführt: Wenn die eine Gruppe unterwegs ist, brütet die andere über der Theorie und umgekehrt.

Noch sind Trimesterregelungen wie an der Görlitzer Fachhochschule in Deutschland eine Ausnahme. Doch zunehmend halten sie Einzug in die Debatte um die Reform der Hochschulen - als Mittel zur Verkürzung der langen deutschen Studienzeiten. Die nächste Einführung von Trimestern steht bereits vor der Tür: Am 4. Oktober öffnet in Hamburg die Bucerius Law School der ZEIT- Stiftung ihre Pforten, die ihre Studenten in zehn Trimestern mit 26 bis 28 Wochenstunden in dreieinhalb Jahren zum ersten Staatsexamen bringen will. Diese Prüfung passiert der deutsche Nachwuchsjurist sonst erst nach viereinhalb Jahren. Er hat dann neun Semester mit 22 bis 24 Wochenstunden hinter sich. "Der Trimesterrhythmus spiegelt wider, was wir unter Leistungsorientierung verstehen", sagt Jürgen Büring, der Gründungsbeauftragte der Law School. Die Studenten seien besser ausgelastet und verbrächten mehr Zeit mit dem aktiven Studium. Die Professoren wiederum hat der straffere Rhythmus offenbar nicht abgeschreckt: Auf fünf Lehrstühle kamen 151 Bewerbungen. Im Gegenzug zu den kürzeren Semesterferien werden ihnen zusätzliche forschungsfreie Trimester angeboten. Mehr unterrichten als an herkömmlichen Universitäten sollen sie nicht.

Die Vor- und Nachteile eines Studiums in Trimestern zeigen sich an den Hochschulen der Bundeswehr. Dort wird bereits seit 27 Jahren im Trimesterrhythmus studiert. Für dieses Angebot leistet sich beispielsweise die Münchner Bundeswehruniversität ein Drittel mehr Personal. Was den Beschleunigungseffekt angeht, scheint das Münchner Modell aufzugehen: Jeder Vierte absolviert sein Studium nach zehn, die allermeisten nach elf Trimestern. Allerdings, so attestiert Hans-Georg Lößl, der Präsident der Universität, erfordere das Studium "eine enorme Disziplin. Das schafft nicht jeder." Mit 30 Prozent ist die Abbrecherquote sehr hoch. Und: Zeit- und Berufssoldaten unterscheiden sich vom statistischen deutschen Durchschnittsstudenten vor allem dadurch, dass sie nicht wöchentlich zwölf Stunden mit der Finanzierung ihres Studiums beschäftigt sind.

Dass ein in Trimester gegliedertes Studium hart ist, bestätigt der Görlitzer Student Philipp Bormann. "An Nebenjobs oder zeitintensive Hobbys ist kaum zu denken." Dafür wird Bormann im Gegensatz zu vielen seiner Altersgenossen mit 25 sein Studium abgeschlossen haben - und das, obwohl er vorher "so zum Rumgucken" schon ein Jahr Musik- und Kulturwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität studierte. Einige seiner Kommilitoninnen schließen sogar schon mit 22 ihr Studium ab.

Wer sich einmal in Ländern umschaut, an deren Universitäten Trimesterregelungen seit Jahren gang und gäbe sind - vor allem in den USA, Großbritannien und den Niederlanden -, dem fällt vor allem auf, dass diese in der Regel mit einem sehr viel strafferen und verschulteren Studiensystem einhergehen. An deutsche Studienfreiheit gewöhnte Geisteswissenschaftler beispielsweise, die in die Niederlande gehen, kommen bei ihrer Ankunft oft aus dem Staunen nicht heraus: Bei Trimesterbeginn stehen nicht nur die wöchentlichen Lehrpläne, sondern auch die Literaturlisten samt Seitenangaben unverrückbar fest. Pünktlich zum Ende jedes Trimesters müssen Hausarbeiten abgegeben oder Klausuren geschrieben werden. Jede Hausarbeit wird in einer Art mündlicher Prüfung verteidigt. Und an manchen niederländischen Universitäten wurde das System längst weiter gestrafft. Wer an der Universität Utrecht in den Fachbereichen Künste und Sprachwissenschaften studiert, absolviert pro Jahr fünf Blöcke à acht bis neun Wochen. Am Ende jedes Blockes stehen zwei Prüfungen, bevor es - mit Ausnahme der Sommerferien - am kommenden Tag mit dem nächsten Block weitergeht.

Doch schon die Trimester, so klagen einige Studenten und Professoren, seien oft extrem kurz. "Ein Trimester geht viel schneller vorbei als ein Semester", sagt Philipp Bormann. Das Gefühl trügt ihn nicht: Je nach Bundesland dauern die Semester in Deutschland 13 bis 16 Wochen. Die meisten Trimester hingegen, in den Niederlanden wie in Deutschland, dauern 9 bis 12 Wochen - wobei nicht selten die letzten ein bis zwei Wochen als Prüfungszeit vorlesungsfrei sind. Damit entpuppt sich die simple Rechnung, dass man bei einer Umstrukturierung 50 Prozent mehr Stoff im Jahr unterbringen könnte, als Milchmädchenrechnung. "Dass ein Studienjahr drei mal 15 Wochen haben soll, ist völlig illusorisch", bestätigt Manfred Vogt, der Initiator des Görlitzer Studiengangs. Und der Kölner Mathematikprofessor Ulrich Faigle, der einige Jahre im niederländischen Twente gelehrt hat, sagt, er habe dort "ständig das Gefühl gehabt, dass alle enorm beschäftigt sind, ohne dass am Ende viel dabei rausgekommen ist. In einem Neunwochenkurs kann man nicht so sehr tief schürfen." Außerdem, so Faigle, würden in den Niederlanden Studenten wie Kinder am ersten Schultag an die Hand genommen und vier Jahre lang durchs Studium geführt.