Ohnehin sind das Fantasien, denen sich Marie-Laure Yaspo vom Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik zurzeit nicht hingeben darf. "Den ganzen Monat habe ich kaum mehr als vier Stunden geschlafen", sagt sie und rauft sich ihre Locken. Unbedingt wollte die energische Französin das unbekannte Eiland Chromosom 21 als Erste vermessen haben, bevor ihr der ehrgeizige Gen-Jäger Craig Venter die Show stiehlt. Der amerikanische Forscher hatte erst kürzlich für Aufregung gesorgt, als er behauptete, das gesamte menschliche Erbgut zu 99 Prozent entschlüsselt zu haben.

Doch was nützen schon die groben Skizzen von einem, der das Gebiet nur flüchtig abgeflogen hat? Yaspo schätzt, in Wirklichkeit habe Venter das Genom nur zu 70 Prozent entschlüsselt, der Rest sei ungesichteter Datenmüll. "Wenn man vor dem Patienten steht, bringen solche vagen Ergebnisse rein gar nichts", sagt Yaspo giftig. Die Kliniker wollten genaue Genkarten. Erst mit diesen ließen sich Krankheiten diagnostizieren und vielleicht therapieren.

Als Erbgut-Macht aber bleibt Deutschland dennoch ein Zwerg. Chromosom 21 gehört zu den kleinsten der 23 Stränge, auf denen der Bauplan des Menschen gespeichert ist. Es umfasst lediglich 1,5 Prozent der menschlichen Erbinformationen. Aber dafür liefert die deutsch-japanische Kooperation erstklassige Daten.

Wichtig können diese eines Tages für jeweils eines von 700 Neugeborenen werden, bei denen das Chromosom 21 drei- statt zweimal in den Zellen liegt. Der Überschuss führt zum Down-Syndrom, früher Mongolismus genannt: gestörte Hirnentwicklung, angeborene Herzfehler, Leukämie und Lebenserwartung um die 40 Jahre. Nach einer gängigen Theorie ist die Stoffwechsel-Entgleisung, die das überschüssige Chromosom verursacht, daran schuld. Sollte sich aber herausstellen, dass einzelne Gene für die Behinderung verantwortlich sind, könnte man vielleicht etwas dagegen unternehmen.

Wie ein mehrtausendteiliges Puzzle aus blauem Himmel

Durch das Down-Syndrom ist das Chromosom 21 auch Laien bekannt. Aus diesem Grund haben sich schon viele Forscher an dem populären Chromosom versucht. Schon seit zehn Jahren gehört auch Marie-Laure Yaspo dazu. Und nun hat die Molekularbiologin alle zusammengeführt, die japanischen Institute Keio (Tokyo) und Riken (Sagamihara) und die deutschen in Jena, Braunschweig und eben Berlin. Jetzt sind die Daten beisammen, das britische Journal Nature hat die Veröffentlichung für Mitte Mai angekündigt. Auf Pressekonferenzen in Japan und Deutschland wurde das Ergebnis am vergangenen Montag verkündet. Das war die Belohnung, zum Feiern hatte Yaspo bisher keine Zeit. Erbgutentschlüsselung ist harte Arbeit - bis zum Schluss.

Keiner weiß das besser als die technischen Assistenten ein Stockwerk tiefer. Hoch oben auf dem Fenstersims des Genlabors Raum Nummer 0116/0118 steht eine geleerte Champagner-Flasche. Eine Feier anlässlich der Landnahme des Chromosoms 21? Mitnichten. Mit dem Tropfen wurde nur der 1000. Analysezyklus einer der fünf grauen Maschinen begossen, mit denen das technische Personal derzeit schon wieder tief in das Erbgut des Chromosoms Nummer 3 abtaucht.