Treffpunkt Bahnhof Zoo, 14 Uhr, unter der Anzeigentafel. An diesem Samstag scheint der Ort eher schlecht gewählt. Eben grölt sich ein Schock Fußballfans durchs Gewühl, auf dem Weg zum Hertha-Stadion: "Von der Hauptstadt bis nach Auschwitz, eine UBahn bauen wir!" Polizisten bahnen den Frankfurter Schreihälsen eine Gasse; der Junge neben mir fasst vorsichtshalber meine Hand. Er guckt jetzt ähnlich ängstlich wie Emil Tischbein aus Dresden/Neustadt, als er vor 72 Jahren hier am Bahnhof ankam. "Die sind ja rechtsradikal!", flüstert er mir ins Ohr. Welch gnadenlos zeitgemäßer Auftakt für eine Kindertour auf Kästners Spuren.

14.10 Uhr. Student Jörg von StattReisen Berlin will endlich anfangen. Ein bisschen hektisch schwenkt er sein Ringbuch. Acht Neun- bis Zwölfjährige samt Eltern lauschen angestrengt. Ja, klar. Alle kennen das Buch oder den Film von Emil und den Detektiven: Wie der kleine Junge auf dem Weg in die große Stadt im Zug einschläft und plötzlich sein Geld weg ist. 140 Mark! Gestohlen! Von dem Dieb mit dem schwarzen Hut! Wie Emil dann im Schlepptau von Gustav mit der Hupe und dessen Jungs den Verbrecher im Berliner Großstadtgetriebe zur Strecke bringt. Und wir, sagt der nette Jörg, wollen ihn auch jagen, den bösen Herrn Grundeis. Eine Hupe hat Jörg mitgebracht, stilgerecht. Cool, rufen die Kinder.

"Also, wir brauchen als erstes den Emil!" Vom Lärm ringsum unverdrossen bringt Spielleiter Jörg seine Rollen ans Kind: den Gustav, den kleinen Dienstag, den Professor, den Liftboy, die Geschwister Mittenzwey und natürlich die kesse Pony Hütchen. Die minderjährigen Emil- Fans müssen erst warm werden, die alten halten sich, pädagogisch korrekt, stumm im Hintergrund.

Iliana wird Emil und hat gleich zu tun. Schüchtern geht die Neunjährige auf den Infoschalter zu. Dort soll sie herausfinden, wie man zur Kaiserallee kommt, die heute Bundesallee heißt. Die Straßenbahn 177, mit der Emil, dem Dieb auf den Fersen, durch Berlin fährt, gibt es nämlich schon seit 30 Jahren nicht mehr. Stolz schwenkt Emil-iana den vorbereiteten Brief, den sie am Schalter erhalten hat, und liest vor. Auf zur U-Bahn-Linie 9, Ausstieg Güntzelstraße.

Jörg drückt aufs Tempo. Schließlich musste sich auch Emil beeilen, um den schwarzen Hut nicht aus den Augen zu verlieren. Wir nehmen die Verfolgung auf. "Meinst du, da ist wirlich ein Mann mit 'nem schwarzen Hut?" Na, hoffentlich haben sie das irgendwie hingekriegt, denke ich und schweige lieber. Mich beschleicht dieses ungute Kindergeburtstagsgefühl, wenn Mama bereits ahnt, dass die Schatzsuche diesmal mit Protest enden wird - weil sie die Gäste kilometerweit durch die Gegend geschickt und den Schuhkarton dann doch dicht beim Haus versteckt hat.

Bahnhof Güntzelstraße. Jörgs Stimme wird geheimnisvoll: Rieke mit der Hupe soll vorschleichen und Laut geben, wenn sie draußen die berühmte Litfaßsäule gefunden hat. Denn dort trifft Emil den neuen Freund Gustav und belauert den Dieb, der sich im Café Josty an Eiern im Glas gütlich tut. Heftiges Hupen. Wir stürmen die Rolltreppe hoch ins Freie - und sind enttäuscht. Die Ecke Kaiser-/Bundesallee und Trautenaustraße hat sich in einen höchst unwirtlichen Ort verwandelt, ringsum Bürohäuser. Kein Café, kein Zeitungskiosk, nirgends. Und die Litfaßsäule wirkt auch eher wie aus den Siebzigern. Acht Kinder frieren im kühlen Frühlingswind, die Eltern machen gute Mienen und ein paar Fotos. Parole Emil!

Die Trautenaustraße hinunter zum Nikolsburgerplatz, wo die zwei Dutzend Detektive damals Kriegsrat hielten. Sie setzten sich auf die weißen Bänke, die in den Anlagen stehen, und auf das niedrige eiserne Gitter, das den Rasen einzäunt, und zogen ernste Gesichter. Nur ein Haus von früher haben die Bomben des Zweiten Weltkriegs übrig gelassen, stellen die Kinder anhand eines verblichenen Fotos fest. Aber der Platz selbst ist hübsch hergerichtet worden. Mit niedrigem Eisengitter rund um den Rasen.