Charité, Berlin, 11. Stock. Geburtshilfestation. Das Großklinikum verfügt über ein eigenes Standesamt. Die Standesbeamtin, Frau Gensicke, sitzt im weißen Kittel neben dem Bett der Mutter.

"Wie soll er heißen?", fragt sie.

Die Standesbeamtin schreibt.

"Ach", macht das Kind in seinem Bettchen und schnauft. Erst zwei Tage auf der Welt und hat schon einen Namen zum Gesicht.

Im Internationalen Handbuch der Vornamen stehen 86 000 Namen. Für die Bundesrepublik gilt: Vornamen müssen das Geschlecht erkennbar machen, dürfen nicht anstößig sein, sollen keine lächerliche Wirkung erzielen und dem Wesen nach Vornamen sein. Man darf auch neue erfinden. Das hat aber Grenzen. Besonders dann, wenn es um äußerliche Zeichen einer inneren Gesinnung geht.

"Da kommen Leute aus dem rechten Lager und wollen ihren Sohn Hitler mit Vornamen nennen oder Goebbels oder Heydrich", sagt Rainer Ahnert, Leiter des Standesamtes Berlin-Mitte. Eltern wollten ihrer Tochter als einzigen Vornamen Scheißerle geben. Abgelehnt! Auch Usedom, Pfefferminze, Uragamo. Andreas Schmidt vom Standesamt Schöneberg hat Stingray und Panther abgelehnt. Wer sich das nicht gefallen lassen will, geht zum Rechtsamt. Pumuckl ist mittlerweile erlaubt. Die Fernsehserie ist alt und der Name nicht mehr zwangsläufig mit einem kleinen, roten Kobold gleichzusetzen. Die Leute wollen was Besonderes. Haufenweise, auch aus der Bibel. Noah-Ben-Abraham zum Beispiel. Gewöhnlich ist bei sieben Namen Schluss. "Und wenn zwischen den einzelnen Namen Bindestriche sind", sagt Frau Letsch, eine Kollegin von Frau Gensicke, "dann muss bei einer offiziellen Unterschrift die ganze Reihe geschrieben werden. Alle Namen. Frau Letsch zählt Namenspaare auf und lacht. Angelus Franziskus, die Mutter ist Chinesin. Karl-Friedrich Pfeffermann. Da klingt der Säugling gleich wie ein Großmagnat. Montserrat Proske. Sehr schön. Und Kimberley Schulze. Namen machen Leute. Ein Libanese wollte für seine Tochter einen Mädchennamen und dann seine eigenen vier männlichen Vornamen dazu. Abgelehnt.

Toni ist neun Monate alt und in der Charité geboren. Die Namenspatronin ist die Schriftstellerin Toni Morrison. Der Name hat vor der Geburt schon festgestanden. Toni, nicht Antonia. Eine Antonia sei immer blond und niedlich und zart. Das wollte sie nicht für ihr Mädchen, sagt Ina. Als wäre ein Name verantwortlich für Charakter und Aussehen, ein Wegweiser durchs Leben.