Brüssel

Europa ist ins Gerede gekommen. Wieder einmal. Doch selten kam's so knüppeldick wie dieser Tage. Zum Beispiel die Osterweiterung: Gern zur "Versöhnung des Kontinents" verklärt, verkommt sie zum Streit um Ackerprämien, Übergangsfristen, Stahlquoten. Gleich "Hunderte von Haiders" malte Kommissionspräsident Romano Prodi neulich an die Wand, falls alles zu schnell gehe für den Westen. Das Echo aus dem Osten erklang prompt: Minister aus Polen und dem Baltikum geißelten Prodis Warnung als "Egoismus der Reichen".

Die Feiern jedenfalls, mit denen das offizielle Europa am Dienstag dieser Woche jenes Plans von Robert Schuman gedachte, der vor einem halben Jahrhundert die so erfolgreiche Integration des Kontinents einläutete - sie fanden allesamt im Saale statt. Auf der Straße mobilisieren andere, contra Europa. Österreichs Regierung etwa will per Volksbegehren "gegen europäisches Unrecht" angehen, also gegen die Sanktionen seiner 14 Partner. Und Bremens sozialdemokratischer Bürgermeister Henning Scherf reklamierte gar jüngst eine Art Widerstandsrecht gegen das real existierende Europa: Er wolle, als Opfer von Brüssels Bürokratie, nicht "in ein neues zentralstaatliches Gebilde hineinrutschen", schließlich hätten die Deutschen schon "zwei Zentralstaaten hinter sich - die Nazis und die Ulbrichts".

Sicher, Scherfs Vergleich riecht nach Stammtisch, nach Bierdunst und vergossenem Schnaps. Nur merkwürdig: Kaum jemand widerspricht ihm laut und deutlich. Auch nicht die Gescholtenen selbst - diese angeblich so arroganten Zentralisten zu Brüssel - wehren sich gegen die harte Kritik. "Une Europe qui doute", titelt Le Monde, und tatsächlich grassieren in der EU-Hauptstadt die Zweifel, ja Selbstzweifel. Europa paradox: Von außen, so scheint's, strotzen Brüssels Institutionen vor Granit und Stahlbeton - derweil bröckelt drinnen der Sandstein. Verzagt beklagen Diplomaten "einen elenden Mangel an Orientierung", gestehen langjährige Eurokraten, "dass der ganze Laden so verunsichert ist wie nie zuvor". Ein hoher deutscher Beamter diagnostiziert die Malaise mit einem Wort: "Eurosklerose."

In Brüssel geht die Angst vor der "Ver-Ostung" um

Dieser Begriff entstammt den frühen achtziger Jahren, erinnert an jene Phase kontinentaler Stagnation, bevor Jacques Delors die Europäer mit dem Aufbruch zum Binnenmarkt wachrüttelte und neue Pläne für die Währungsunion schmiedete. Eine schreckliche, eine verlorene Zeit war das. Aber heute? Da rollt der Euro, da suchen die Europäer gerade 180 000 Soldaten für ihre künftige erste Eingreiftruppe aus, da schreiben sie sich - per Grundrechts-Charta - soeben einen gemeinsamen Wertekanon. Woher also, bei so viel Neuanfang, nur diese moribunde Stimmung, die Angst vorm Zerfall?

Die Ursache liegt just in jenem Erfolg, der demnächst alle Brüsseler Maße sprengen wird. Die Aufnahme von mindestens 12 Staaten aus Ost und Süd ist, im Prinzip, längst beschlossene Sache. Vielleicht wird sich die EU irgendwann gar auf 30 oder 32 Nationen vergrößern, genau weiß das niemand. Bislang jedoch blieb diese Herausforderung abstrakt, ein Projekt auf dem Papier für Strategen und Sonntagsredner. Erst jetzt, mehr als zehn Jahre nach dem Mauerfall, hat die Geschichte (nach den Köpfen) auch den Bauch der westeuropäischen Politik erreicht.