Immer wieder überfallen uns treue Leser dieser Kolumne mit der inständigen Bitte, wir möchten das Nagelbrett der schmutzigen Politik endlich an die Wand hängen und uns lieber am Busen der deutschen Poesie reiben, damit daraus Milch und Honig fließe. Freunde der Nacht, nichts lieber als das! Sehr ergiebig ist diesbezüglich Johann Peter Hebels Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes , eine seltene Perle unpolitischer Dichtung. Nehmen wir nur den Abschnitt über die Besatzung von Oggersheim auf Seite 344. Hebels Geschichte spielt im Dreißig-jährigen Krieg, ist aber sonst sehr zart. Sie erzählt, wie sich die ganze Welt gegen Oggersheim verschworen hatte, vor allem Pressbengel und Journale, Spanier und Schweden. Die Kaiserlichen aus Bonn wollten sogar ein Inquisitionsverfahren einleiten, sehr hitzig mit Scheiterhaufen und allem Brimborium.

Es sah gar nicht gut aus für das Städtchen. Fast alle Oggersheimer waren nach Mannheim geflohen, und nur ein einziger, etwas korpulenter Hausvater wollte seine Heimat nicht verlassen. Lauthals gab er der Welt sein Ehrenwort und rief unter Pfälzer Eichen: "In Gottes Namen, ich bleibe hier und schweige!" Und wirklich, während die Meute unter Führung des spanischen Feldhauptmanns Don Gonsalva auf das evangelische Städtchen zumarschierte, blieb der Oggersheimer allein "zurück und hatte das Herz, die Zugbrücke aufzuziehen und die Tore zu schließen".

Und was passiert? Nun, mit Tränen in der Tinte beschreibt Hebel das Unbeschreibliche: Der letzte Bürger von Oggersheim wirft sich in den Staub und sagt die Wahrheit, nichts als die Wahrheit! Dass die Fugger ihn aus schwarzen Kassen bestechen wollten und gar vieles mehr. Doch Don Gonsalava "hieß ihn aufstehen und schenkte ihm ein Goldstück zum Andenken". Der Oggersheimer hatte sein Ehrenwort gebrochen, aber ewige Achtung gewonnen. "Achtung währt am längsten", rief ihm Don Gonsalva über die Schulter zu, um zu den Amigos nach Bayern zu eilen, die schon wieder Recht und Gesetz mit Schweinshaxen getreten hatten.