Roman Hohes Lied der Liebe
John Bayleys Elegie über seine Ehe mit Iris Murdoch
Als die englische Schriftstellerin Iris Murdoch im Frühjahr 1994 vor einem Auditorium der University of the Negev in Israel über ihr Schaffen sprechen sollte, fand sie die Worte nicht mehr. Das Publikum litt, der Moderator zeigte zunehmend Verwirrung und Unbehagen, und der anwesende Ehemann begann zu ahnen, dass der Gedächtnisausfall seiner Frau nicht der letzte sein würde.
Ein Jahr später wusste die Autorin von 26 Romanen, Dame of the British Empire und mehrfache Ehrendoktorin, so gut wie nichts mehr von sich. Der "heimtückische Nebel" des Morbus Alzheimer hatte sie umschlossen, und wenn noch etwas ein strahlendes Lächeln auf ihr Gesicht zaubern konnte, dann waren es, neben den Teletubbies, die vertrauten Neckereien und Liebesgesten des Mannes, mit dem sie bei Ausbruch ihrer Erkrankung 40 Jahre verheiratet war: John Bayley begleitete sie aus größtmöglicher Nähe auf ihrer angstvollen Reise "ins Dunkle" (dies ihre eigenen Worte), bis sie am 8. Februar 1999, nicht ganz 80-jährig, starb.
Kam es anfangs noch zu schattenhaften Begegnungen gleichsam in den Ruinen früherer Gespräche, erinnerten den Literaturprofessor und Kritiker, der auch als Romancier hervortrat, bald nur noch die Klaglosigkeit und die sonnige Aura der Kranken an jene Frau, die er für ihre "klare Vernunft" und ihr überragendes Talent als Schriftstellerin bewundert, für ihre Herzenseinfalt aber geliebt hatte.
In diesem Stadium war es, dass er oft mit seiner Reiseschreibmaschine im burgartigen Ehebett des Hauses Nummer 7, Norbury Road in Oxford saß - neben ihm, aufgehoben in dem vertrauten Geklapper, die Schlummernde - und an einem Buch über Iris, sein Leben mit ihr und den Alltag mit Alzheimer schrieb. Erschienen ist es im Jahr ihres Todes: ein Hohes Lied der Liebe in guten wie in schlechten Tagen, das an Aufrichtigkeit und Scharfsicht, Wärme, Takt und Lebensweisheit nicht leicht zu überbieten ist. Dass diese Qualitäten in überaus englischer Manier auftreten, also eingebunden in Ironien, offensiv verschroben und pathosfrei, betont eher ihren tiefsten Zweck, als dass es ihn verhüllte: Schutzwälle zu bilden um einen Kern aus Trauer, Unschuld und Zärtlichkeit - um den elegischen Kern der Elegie für Iris.
John Bayley war 28 und hatte gerade sein Studium abgeschlossen, als er die sechs Jahre ältere Iris Murdoch auf einer akademischen Party in Oxford (das ihr gemeinsamer Lebensmittelpunkt blieb) kennen lernte. "Meine naive und heute unerklärliche Annahme, dass sie nur mir und sonst niemandem gefallen könne, hinderte mich daran zu bemerken, wie furchtbar, ja wie fast teuflisch attraktiv alle anderen sie fanden." In der Tat war die junge Philosophiedozentin, deren erster Roman kurz vor der Veröffentlichung stand, eine Mittelpunktsfigur im Oxford der frühen fünfziger Jahre. Zu ihrem Freundeskreis gehörten Elizabeth Bowen, Elias Canetti und etliche große alte Männer, die sie ebenso anhimmelten wie die gut aussehenden und vielversprechenden Jungakademiker oder die interessanten Lesbierinnen vom St. Anne's College, wo sie unterrichtete.
Die freundliche Gegenwart der Einsamkeit hält warm
Dem schüchternen Bayley, der ungemein erleichtert war, sich in eine Frau verliebt zu haben, die er für völlig unattraktiv hielt, erschien sie als "höheres Wesen" aus einer Sphäre reiner Geistigkeit, in der es "Intrigen" so wenig gab wie "Verstellung". Freilich war er nicht wenig verblüfft, dass sie im Gegensatz zu ihm über einige sexuelle Erfahrung verfügte und es auch normal fand, mit Männern zu schlafen, die ihr geistig imponierten. Als "Götter" bezeichnet Bayley diese Überväter, die im Gegensatz zu Iris' sanften und humorvollen Freunden selten "lustig" gewesen seien. Wie das zu verstehen ist, zeigt eine von Faszination und Antipathie inspirierte Beschreibung des entwaffnend unbescheidenen und gewiss nicht lustigen Elias Canetti, die (wie im Übrigen auch die zum Teil sehr bewegenden Porträtskizzen Isaiah Berlins, Elizabeth Bowens, Barbara Pyms oder des Ehepaares Priestley) zu den literarischen Glanzpunkten der Elegie für Iris gehört.
- Datum 11.04.2008 - 03:06 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT, 11.05.200 Nr. 20
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